Nachdem ich mich gestern morgen etwas länglich mit Ute (@terrorzicke) auf Twitter über die Verkürzung der Zivildienstdauer und mögliche Alternativen unterhalten habe, stehe ich mehr oder weniger vor einem Dilemma.
Einerseits hat sie völlig Recht. Das Problem unzureichender Pflege kann nicht durch Zwang auf dem Rücken – oder besser: der Lebensplanung von jungen Leuten ausgetragen werden. Es eignet sich nun mal nicht jeder für den Pflegeberuf, das lässt sich sicher nicht bestreiten.
Andererseits bedeutete Zivildienst noch nie ausschließlich das Wischen von Ärschen, wer sich auch nur ein wenig Mühe gegeben hat, hatte auch schon vorher keine Probleme damit, eine Zivildienststelle zu finden, die nicht unbedingt direkten Körperkontakt erforderte. Ob das nun das Ausfahren von Essen auf Rädern war, der Hausmeisterposten im Seniorenheim oder als Animateur in einer Jugendherberge.
Alles prima Jobs: Nur hilft das den Schwerbehinderten und anderweitig Pflegebedürftigen wenig, obwohl sämtliche ehemaligen Zivildienstleistenden, die ich kenne – mich eingeschlossen -, alle einhellig der Ansicht sind, daß der Zivildienst eine extrem wertvolle Zeit war, die einem zum ersten Mal gezeigt hat, wie es ist, für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen.
Was man jedoch nicht vergessen darf: Die Situation in der individuellen Pflege ist ohnehin schon mehr als angespannt, und auch wohlmeinende Grundsätze, daß ein Zivi nicht Ersatz für eine ausgebildete Kraft sein darf, sind nicht sonderlich hilfreich, wenn sich niemand daran hält, weil das Geld fehlt.
Was nun jedoch durch die Verkürzung der Zivildienstzeit auf 6 Monate noch einmal verschärft wird, ist das Problem, daß Zivis aus ihrer Einarbeitungszeit überhaupt nicht mehr herauskommen und dadurch zum Teil in bestimmten Bereichen gar nicht mehr eingesetzt werden können.
Unsere Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder feiert nun den faulen Kompromiß, den Zivildienst freiwillig um ein paar Monate zu verlängern, wie eine soziale Errungenschaft, da dadurch die Zeit überbrückt werden könne, bis das Studium oder die Berufsausbildung beginnt.
Ich halte das für eine Mogelpackung. Zum einen ist die Anzahl der geleisteten Zivildienstmonate de facto geringer als vorher. Es stehen also weniger Ressourcen in der Pflege zur Verfügung, da dieser Ausfall nicht kompensiert wird. Auf der anderen Seite kann man sich ja mal überlegen, welche jungen Leute es sind, die – machen wir uns nichts vor, vor allem aus finanziellen Gründen – den Zivildienst bis zum Beginn der Ausbildung verlängern: Sicher nicht die, deren Eltern es sich auch problemlos leisten könnten, wenn das Kind ein paar Semester länger studiert.
Halten wir also fest: Die individuelle Hilfe wird gekürzt, aufgrund der stärkeren Fluktuation sinkt die Qualität der Pflege, ein finanzieller Ausgleich findet nicht statt.
Die Familienministerin hätte also auch einfach verkünden können: “Wir sparen ab sofort Geld im Pflegebereich. Seht zu, wie ihr klarkommt.”
Das kommt natürlich nicht so gut an wie “Der Zivildienst ist gerettet”.
Es hilft kein Drumherumreden: Wer menschenwürdige Pflege erhalten will, der muß dafür auch bezahlen. Und wer das nicht will, der soll sich nicht hinter scheinheiligen Äußerungen verschanzen, daß “die besonders engagierten Zivis” die hohe Qualität der Pflege aufrechterhalten werden.
Diejenigen sollten dann aber eines nicht vergessen: Daß mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann der Tag kommen wird, an dem auch sie Hilfe für alltägliche Verrichtungen benötigen werden. Und vielleicht denkt dann auch mal jemand an diejenigen, die genau diese Hilfe bereits leisten – und die mangels Grundeinkommen auch heute noch nicht von der Gesellschaft dafür entlohnt werden.





