Die meisten Argumentationen für das bedingungslose Grundeinkommen zielen darauf, den Skeptikern ihre Zweifel zu nehmen. Finanzierbarkeit, Mißbrauchsmöglichkeit und Zusammenbruch des Leistungsprinzips sind wohl die häufigsten Gründe, die die Gegner des Grundeinkommens ins Feld führen.
Mir ist das zunächst auch passiert. "Das kann gar nicht funktionieren" ist das, was mir zuerst dabei durch den Kopf ging. Genau das hätte ich aber auch gesagt, wenn mir jemand vor 10 Jahren gesagt hätte, daß man heute ein Gerät in der Tasche hat, das man hervorziehen und damit das gesamte Wissen der Welt abrufen kann. Fragt euch mal selbst, für wie wahrscheinlich ihr es noch vor drei Jahren gehalten hättet, daß die USA einen schwarzen Präsidenten wählen.
Irgendwann fängt man an, sich näher mit einem Thema zu beschäftigen, genauer hinzusehen und fragt sich: Warum eigentlich nicht?
Warum sollte es nicht möglich sein, nahezu alle Steuerschlupflöcher mit einem Streich zu schließen? Warum sollte es nicht möglich sein, die Steuerlast von der Wertschöpfungskette auf das Endprodukt zu verlagern? (Denn nichts anderes geschieht dabei.) Wer kann so ein Grundeinkommen eigentlich mißbrauchen, wenn es ohnehin jedem zusteht? Wer etwas leisten kann und will, der wird auch weiterhin viel zurückbekommen. Die meisten von uns werden ihren Lebensstandard mit dem Grundeinkommen allein ohnehin nicht halten können. Mit dem Grundeinkommen allein kann man kein Auto bezahlen, keine Fernreisen und keine Mitgliedschaft im Golfclub.
Ein Grundeinkommen kann aber viel bewirken. Es kann den Jugendlichen, die jetzt jeden Tag belogen werden, daß sie sich nur tüchtig anstrengen müßten, und dann würden auch sie am Wohlstand beteiligt werden, obwohl jeder weiß, daß das nicht wahr ist, ihnen kann ein Grundeinkommen zumindest die Angst vor der Armut nehmen. Es kann Studenten helfen, das zu studieren, was ihrem Talent entspricht und nicht das, was den Studienkredit am schnellsten zurückzahlt oder was die Eltern unter Androhung, den finanziellen Geldhahn zuzudrehen, so bestimmt haben.
Gestern gingen zwei Meldungen fast gleichzeitig durch die Nachrichten: "Die Deutschen bekommen wieder mehr Kinder" und "Viele dieser Kinder leben in Armut, insbesondere diejenigen mit alleinerziehenden Eltern." Was wollen wir mit denen denn machen? Die Eltern zum Zusammenleben zwingen? Sie ihrem Schicksal überlassen?
Schaut euch mal in eurer Heimatstadt um und zählt die Leute, die ihr bei einem Gang durch die Innenstadt seht, von denen ihr schon vom ersten Anschein sagen würdet: "Der ist runter mit der Bereifung, den stellt keiner mehr ein."
Ist es denn in einer Wohlstandsgesellschaft wie unserer nicht beschämend, wenn Menschen unter freiem Himmel schlafen müssen? "Notleidenden soll ja auch geholfen werden," heißt es dann. Aber wer will denn schon beurteilen, wer leidet und wer nicht? Leidet ein Arbeitnehmer nicht auch, der eine wirklich gute Idee hat, sich selbständig zu machen, die er aber nicht verwirklicht, weil er Angst hat, er könnte scheitern?
Leidet eine Kassiererin im Drogerie-Discounter nicht auch, wenn sie nicht einmal auf die Toilette gehen kann, weil niemand da ist, der sie ablösen könnte? Leidet eine Krankenpflegehelferin, die abends noch im Solarium jobben muß, weil sonst das Geld nicht für die Miete reicht, nicht auch?
Würden Arbeitgeber so mit ihren Angestellten umspringen, wenn diese jederzeit sagen könnten: "Mit mir nicht!"?
Wer darauf antwortet, daß aber doch irgendeiner diese Arbeit machen muß, ist im Geiste immer noch ein Sklavenhalter. Denn er geht davon aus, daß es Menschen gibt, die keine bessere Behandlung "verdienen".
Wir würden heute überhaupt nicht von einem Datenschutzskandal bei der Deutschen Bahn sprechen, wenn die Mitarbeiter ohne Angst vor Kündigung und dem daraus folgenden sozialen Abstieg hätten sagen können: "Mit mir nicht!"
Wie viele Menschen würden sich immer noch von psychopathischen Vorgesetzten drangsalieren lassen, krank zur Arbeit kommen und heulend wieder nach Hause gehen, wenn sie zu ihrem Arbeitgeber sagen könnten: "Mit mir nicht!"?
Wir leisten uns einen Verteidigungshaushalt von 30 Milliarden Euro und sind nicht in der Lage, jedem in unserer Gesellschaft zumindest soviel zukommen zu lassen, daß er sich keine Sorgen vor Armut machen muß?





