Hildegunst von Mythenmetz, ein aufrecht gehender Lindwurm, ist wie alle Bewohner der Lindwurmfeste von der Literatur besessen. Am Totenbett seines Mentors erhält er von diesem ein Manuskript, das so perfekt ist, daß er sich auf den Weg nach Buchhaim macht, eine Stadt, in der alle Bewohner nur eines im Sinn haben: Bücher.
Dieses Manuskript scheint bei den Bewohnern allerdings nicht nur Begeisterung, sondern auch große Furcht vor bösen Mächten auszulösen. Und so schwebt der Hauptdarsteller bald in höchster Gefahr.
Auch dieser Roman von Walter Moers spielt wieder in Zamonien, einer Fantasiewelt, in der bereits Käpt'n Blaubär seine Abenteuer erlebt hat. Darauf muß man sich erstmal einlassen, dann hat man mit der dieser Welt innewohnenden Logik grundsätzlich kein Problem.
Moers versteht es großartig, skurrile Lebewesen zu entwickeln, deren Verhaltensweisen durch ihre körperlichen Merkmale bestimmt werden. Dadurch erschafft er eine schillernde Umgebung, in der die Figuren noch so absurde Eigenschaften haben können, ihre daraus folgenden Handlungen erscheinen gar nicht so abwegig.
Und da komme ich auch schon auf den Hauptkritikpunkt zu sprechen: Die Handlungen sind zwar nicht abwegig, aber sie sind auch nicht zwingend notwendig.
Man fragt sich zwischendurch: "Warum macht der Protagonist das jetzt? Ach ja, weil er ja so von Literatur besessen ist." Fertig. Das ist dann die einzige Motivation, und die muß man akzeptieren.
Zugegeben, genau mit diesem Klischee (in etwa "Wieso geht die Frau nur im Nachthemd bekleidet in den dunklen Keller, wenn sie dort vorher verdächtige Geräusche gehört hat?") spielt Moers zwar auch an verschiedenen Stellen, aber so originell ist das dann auf Dauer doch nicht.
Bösewichte sind einfach so böse, ohne besonderen Grund, und aus demselben nichtigen Grund müssen sie auch gestoppt werden. Die Widersacher und Helfer sind häufig eindimensional, was daran liegen mag, daß Moers aus der Ich-Perspektive eines naiven Protagonisten erzählt, der die Welt um sich herum kaum versteht. Der Protagonist wiederum gibt aber nicht genug Faszination her, um alleine eine Geschichte über fast 500 Seiten zu tragen.
Spätestens beim zweiten Mal ist dann auch das wieder und wieder angewandte "Deus-Ex-Machina"-Prinzip nur noch langweilig. Der Hauptdarsteller ist alleine kaum imstande, eine Konfliktsituation selber zu lösen, es braucht fast immer ein wie auch immer geartetes Lebewesen oder einen herbeigeholten Trick, der ihm aus der mißlichen Lage verhilft.
Das funktioniert vielleicht bei Kindern, die jedoch sollten das Buch nicht lesen, weil es stellenweise, insbesondere zum Ende hin, zu brutal wird.
Moers bedient sich zum Teil auch bekannter Ideen, so fühlte ich mich an einer Stelle an die Müllpressenszene aus "Star Wars" an anderer wiederum an die Achterbahnfahrt in "Indiana Jones und der Tempel des Todes" erinnert.
Ich war daher von diesem Roman ein wenig enttäuscht, die "13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" haben mir da wesentlich mehr Spaß gemacht. Und so kam es, daß ich die "Stadt der träumenden Bücher" etwa in der Mitte zugunsten eines anderen Buches zur Seite gelegt habe, etwas, das mir bei überzeugenden Büchern nicht passiert. Andererseits: Ich hab's dann doch zu Ende gelesen, was ich wiederum auch in den seltensten Fällen mache, wenn ich ein Buch erstmal abgebrochen habe.
Dieser Roman ist eine Lobpreisung an das Lesen und die Literatur. Das zu vermitteln ist Moers gelungen. Einen spannenden Roman zu schreiben, den man kaum weglegen kann, hat er nicht geschafft.