Es treten seit gestern wieder Dummheit und Hysterie gegeneinander an, und im Moment sieht es für mich fast nach Gleichstand aus.
Für diejenigen an den Empfangsgeräten, die später zugeschaltet haben, eine kurze Zusammenfassung:
Aaron Koenig, Mitglied im Bundesvorstand der Piratenpartei, hat sich in seinem Blog wohlwollend zu der Abstimmung in der Schweiz geäußert, den Bau von Minaretten zukünftig nicht mehr zuzulassen. Dabei kommt erschwerend hinzu, daß er bereits vor kurzem mit öffentlichen Äußerungen auffiel, in denen er Thilo Sarrazin den “Anstoß der Debatte zugutehielt”.
So weit, so schlecht.
Wie immer bleibt er dabei relativ konturlos, und doch verrät er meines Erachtens die eigentliche Ursache für seine Ergüsse, sobald er schreibt:
Eine politisch-totalitäre Bewegung, die sich anderen Glaubens- und Denkrichtungen überlegen fühlt und den Anspruch hat, Andersdenkende zu bekehren und gegebenenfalls zu töten*, steht hingegen nicht unter dem Schutz der Religionsfreiheit
“Ist doch nichts dran auszusetzen,” mag der eine oder andere jetzt denken. Das Problem ist nur:
Das ist es, was Koenig als erstes einfällt, wenn er vom Islam spricht.
Die Fußnote verweist zusätzlich auch noch auf eine Webseite, deren Hauptziel es zu sein scheint, diffuse Ängste vor Muslimen zu schüren und daraus die Forderung abzuleiten, der Türkei den EU-Beitritt zu verweigern. Die dort gelisteten Koran-Zitate sollen selbstverständlich aufzeigen, wie gefährlich der Islam ist, und daß er seine Anhänger zur Unterwerfung aller anderen Religionen aufruft.
Es gibt dafür einen Fachausdruck, man nennt es “islamophobes Gesülze”.
Koenig nennt es allerdings “eine recht gute Sammlung von Zitaten”.
Er differenziert also nicht mehr, wenn er vom Islam spricht, das ist für ihn nur noch eine einzige Assoziationskette, die vom Islam über Islamismus zu den Taliban führt.
Das ist schon recht bemitleidenswert, aber die Frage ist nun, wie man das beurteilt.
Er fällt meines Erachtens auf rechtspopulistische Bauernfängerei herein, aber macht ihn das zu einem Rechtsextremisten?
Nein. Ich halte ihn für jemanden, der ein wenig zu lange die falschen Artikel im Internet studiert hat, aber er ruft weder zu Gewalt auf, noch stellt er an irgendeiner Stelle die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage.
Darf man ihn gar in eine Reihe mit Provinznazis stellen, die den rechten Arm heben, wenn ein Asylantenheim brennt?
Nein, auf keinen Fall. Wer sich auf so eine primitive Ebene herabläßt, erreicht nur eines: Eine Spaltung innerhalb der Kritiker, bei der die eine Seite mit Dreck schmeißt und die andere Seite zu einer sachlichen Auseinandersetzung aufruft. Hilfreich ist das nicht.
Ziel sollte doch sein, daß sich vor allem die Piraten folgende Frage stellen:
Ist Aaron Koenig noch als Mitglied des Bundesvorstands tragbar?
Und da lautet meine Antwort: Nein.
Koenig hat zum wiederholten Male bewiesen, daß er nicht in der Lage ist, seine Äußerungen auf ihre Wirkung hin zu überdenken. Das mag für einen einfachen Piraten noch hinnehmbar sein, an ein Vorstandsmitglied sind jedoch höhere Ansprüche zu stellen.
Und da nützt es auch nichts, wenn Koenig auf seinem Blog postuliert, nur seine eigene Meinung und nicht die der Piratenpartei zu äußern. Wieviel Verständnis brächte wohl die Bevölkerung für einen Jürgen Rüttgers auf, der sich zurücklehnte und erklärte: “Das mit den Rumänen hat nichts mit der CDU zu tun, das ist nur meine eigene Meinung.”
Mein Fazit ist klar:
Ich möchte von jemandem, der so unüberlegt xenophobes Gedankengut verbreitet, nicht länger im Bundesvorstand vertreten werden. Aaron Koenigs Verallgemeinerungen sind, wenn nicht eines Piraten, dann aber zumindest eines Vorstandsmitglieds unwürdig.
Den Hysterikern, die sofort nach Rausschmiß brüllen, sei jedoch wieder einmal gesagt:
Das ist hier nicht eure Garagenband und auch nicht der Kegelclub “Flotte Pumpe”. In einer Partei herrschen Regeln, die jedem Mitglied eine Gleichbehandlung sicherstellen sollen, ob ihr es wollt oder nicht.
Merkt euch das mal.






Danke für den gut geschriebenen Artikel.
:) Danke
Kann dir nur zustimmen. Als Mitglied des Bundesvorstandes ist Koenig auf Grund seiner Äußerung nicht mehr tragbar und auch, weil er anscheinend nicht darüber nachdenkt, welche Konsequenzen seine Meinungsäußerungen für die Partei haben können. Ein Parteiausschluss ist etwas anderes. Für mich passen seine Worte nicht zur Satzung, doch darüber habe ich nicht zu entscheiden. Ich würde mir nur wünschen, dass Aaron die Partei wichtig genug ist, dass er selbst den Schlussstrich zieht und von seinem Amt zurücktritt.
Mein lieber Lars, der einzige, der unter Stefans Kritikern spaltet, bist Du (Und natürlich das Knuddelbärchen, aber der zählt in der Debatte erwachsener Menschen nicht) – oder hast Du irgendjemanden gelesen, der Dich für DEINE ART der Kritik an Aaron auseinandergenommen hätte?
@pantoffelpunk: Seltsam. Ich dachte, Du liest die Kommentare unter Deinen Blogeinträgen.
Schöner Artikel und dazu ein Full Ack! Ich möchte dazu noch ergänzen dass jemand wie pantoffelpunk der offenbar gerne vermummt auftritt mit Argumenten wie "Heul Doch" oder "Du bist ja noch doofer als doof" sich wenig piratig verhält. Denk da mal drüber nach. Ich glaube Du bist noch etwas zu grün hinter den Öhrchen!
@haggy Ich glaube, Lars ist nicht mehr grün hinter den Ohren.
Wobei ich die beiden Sprüche wirklich witzig finde, von wem sind die?
Och Thorti, es wird langweilig!
@Haggy: Für alle die es nicht verstehen. Lars ist nicht gemeint!
Hallo,
wenn ich mich nicht täusche, ist die Fußnote bei Herrn König, auf die du dich beziehst, und seine Wertung dazu inzwischen weg.
Insofern ist nur noch der Link zur "St. Petersburg Declaration" vorhanden, der offenbahr das bei König dort gesagte unterstreichen soll, nämlich den Totalitätsanspruch "einer" politischen Bewegung.
Welche das sein soll, erfahre ich nicht mehr. Wenn es diejenige, die hinter der Deklaration steht sein soll, erscheint es mir einfach falsch zu sein, denn dort wird eher Aufklärung betrieben, wenn ich mir die Forderung nach geschlechtlicher Gleichheit und allgemeiner Anerkennung der Menschenrechte im Islam anschaue.
Fremdenfeindlich erscheint mir der Text von König daher nicht. Er will ja eigentlich nur sein Gedanke, dass die direkte Demokratie besser ist als eine weniger direkte, an einem weiteren Thema nochmal bestätigt sehen. Seine Grundhaltung basiert dabei aber nur platt darauf, dass Viele wahrscheinlich weiser sind als Wenige, rep. Einzelne. Das Gegenargument, das König nicht behandelt, würde einfach besagen, dass einfach Viele von vielen und auch sehr wichtigen Themen nicht genug Ahnung haben, um eine ausgewogene Entscheidung zu treffen.
Nein, überzeugend ist das nicht im Ansatz, sondern uninspirierend platt. Was die Piratenpartei daraus macht ist aber ihre Sache.
[...] mal wird der Fall eindeutiger sein, mal etwas schwammiger. Allein die Personaldebatte zu führen, wird nicht reichen, um den Abgrenzungsproblemen gegen Rechts [...]
Ich beziehe mich hier einmal auf die von Herrn Koenig genannte "Quelle":
Da die Seite eine Aggregation von Vorurteilen und/oder negativen Geschehnisse/Ereignisse ist, verstehe ich, das er die Propaganda als "eine recht gute Sammlung von Zitaten" aufnimmt. Er schafft es wahrscheinlich nicht, die Problematik differenziert genug zubetrachten (oder er schafft es nicht, dass es hier um mehrere grundsätzliche Diskussionen geht: Religionsfreiheit, Faschismus/Fundamentalismus, EU Integration, Entwicklung der Gesellschaft im 21. Jahrhundert).
Grundlegen sollte vielleicht die Diskussion weiter betrachtet werden, was der Grund für die Angst, bzw. die Befürchtungen sind, die hier zum tragen kommen. In diesem Rahmen wäre es vielleicht gut, dass einige der Punkte aus der Zitatsammlung, die sinnvoll erscheinen und Nährboden für einen Anti-Islamismus bereiten (Gleiche Rechte für andere Religionen in der Türkei [vlg. Religionsfreiheit], Geschichte der Türkei im Zusammenspiel mit Armenien [speziell 1915-1917]) besprochen werden.
Dieses sollte auch generell, im Interesse der kulturellen- und soziologischen Entwicklung, bzw. der Profilbildung der PiratenPartei geschehen.
[...] Reineke hat in seinem Blog davon gesprochen, dass Koenig mit seinem Text fremdenfendlich argumentiert habe. Das kann ich auch [...]
Hmm. Mal zum Thema Islam/Xenophobie: Ich bin da sozusagen ein halber Konvertit. Vor einigen Jahren noch habe ich ellenlange Diskussionen geführt, in denen ich versucht habe, gewisse problematische Koranzitate als "ohne Kontext zitiert" hinwegzuargumentieren. Ich war eigentlich mega-pro-Islam. Einfach nur, weil ich dachte, es gibt ja die Religionsfreiheit, und das sind alles Menschen, also ist jegliche islamfeindliche Behauptung grundsätzlich schonmal im Ansatz naiv. So lange, bis ich mich mit einem (nicht sehr islamischen, aber auch nicht antiislamischen) türkischen Bekannten mal wirklich an die türkische Version des Koran gesetzt habe. Er hat mir geholfen, die Texte zu übersetzen, bzw. mit der mir vorliegenden englischen Übersetzung abzugleichen. Dabei habe ich mich auch bemüht, den Kontext einzubeziehen. Was soll ich sagen – meiner heutigen Meinung nach sollte der Koran ähnlich zensiert werden wie andere Bücher ab 18. Da wird tatsächlich zum Mord an Andersgläubigen aufgerufen, zum Schlagen von Frauen, die ungehorsam sind, zum Steinigen von Kindern und so weiter.
Das ist bei der Bibel auch so, und ich bin insofern ebenso "gegen" die Bibel. Allerdings kann ich hier der Argumentation einiger Christen noch folgen, dass dieser Quatsch sich ausschließlich im alten Testament abspiele. Ich stimme dem zwar nicht 100%ig zu, muss aber einräumen, dass der Islam heutzutage weltweit echt verdammt schlecht dasteht. Die meisten religiös motivierten Terroranschläge, Hassprediger, Unterdrückung und Verstümmelung von Frauen (nein, das sind keine Einzelfälle, leider), Tötung von Kindern und vieles mehr. Das ist Realität, leider.
Ich wünschte wirklich, ich könnte sagen, der Islam sei ganz toll und dass die häufig vorgebrachte Behauptung, Islam bedeute Frieden total richtig ist. Ist aber leider nicht so.
Für alle die, die so wie ich damals den Islam durch eine rosarote Brille sehen, würde ich mal anregen:
1. Selber nachforschen. Statistiken raussuchen. Medien verfolgen. Dabei kritisch denken – viele Berichte sind per se schon antiislamisch eingefärbt. Solche Sachen nach Möglichkeit ignorieren. (Ich würde insbesondere empfehlen, eine bestimmte Webseite, deren Titel übersetzt "politisch inkorrekt" lautet zu vermeiden bzw. sich vorher erstmal bei unabhängigen Quellen über die Webseite und ihre Betreiber informieren.)
2. Das Gespräch mit Moslems suchen. Reden, reden, reden.
3. Im Koran lesen. Ein bißchen wenigstens. Wenn man schon dafür ist, sollte man auch ungefähr wissen, was drinsteht.
4. Sich von keinem Quatsch erzählen lassen.
Das ist so eine Beobachtung, die ich gemacht habe – kann sein, dass ich da falsch liege, aber es ist eben das, was ich persönlich mal so festgestellt habe: Nichtislamische Islam-Verteidiger haben manchmal nicht viel Ahnung vom Islam. Ähnliches gilt leider auch nur allzu oft für Islamkritiker.
Imagine no religion…
@madoc:
Ich denke es geht nicht wirklich darum "für" oder "gegen" den Islam, den Koran oder der Bibel zu sein. Bei der Aaron-Geschichte geht es um Verallgemeinerungen und Angstmache als Werkzeug der Demagogen und Rechtspopulisten. Und um die Frage, wie anfällig gegenüber solchen Unfug man als Pirat und vor allemdingen als Vorstandsmitglied einer demokratischen Partei sein darf. Außerdem vielleicht auch noch, wo freie Meinungsäußerung aufhört und wann Diffamierung anfängt.
Ich bin auch der Meinung, dass im Koran sehr viel unglaublich brutales und ungerechtes drinsteht und weiß auch, dass es deswegen auf der Welt Muslime gibt, die morden, verstümmeln, unterdrücken und sich keinen Millimeter Richtung Zukunft bewegen.
Aber war und ist im Christentum genauso.
Der Punkt ist:
Verallgemeinerungen wirft die Mehrheit der Muslime ebenfalls in diesen Topf!
Genauso, wie wenn man behaupten würde "die Christen" fordern alle die Schöpfungslehre als Biologie-Ersatz, sie vergelten Auge um Auge und Zahn um Zahn und sie würden ihre missliebigen Nachbarinnen als Hexen verbrennen lassen, wenn wir wieder im Mittelalter leben würden.
Wenn ein Vorstandsmitglied soetwas sagen würde, müsste er auch zurücktreten, weil er einfach nicht für eine politische Position geeignet ist. So ist das meiner Meinung auch bei Stefan Aaron.