Google Chrome OS killt gar nichts

Nico Lumma sagt Google Chrome OS eine große Zukunft voraus. Ich glaube, er hat Unrecht, und zwar in mehrerlei Hinsicht.

Zunächst beginnt er mit einem Bashing gegen die c’t, weil ihm dort zuviel Hardware und zuwenig Web behandelt wird. Dabei unterschlägt er jedoch, daß er als “Director Social Media” und Werbemensch überhaupt nicht zur Zielgruppe der c’t gehört. Wer sich eine c’t kauft, weiß, daß es dort ziemlich spröde zugehen kann und gerne auch mal über 6 Seiten ein neuer Grafikchip besprochen wird. Nun ja, das kann man langweilig finden, aber die Stammleser kaufen die c’t genau deswegen.

Das hat nichts damit zu tun, daß der Heise-Verlag Webentwicklungen verschlafen würde – solche Themen werden eher in der iX behandelt – sondern zeigt vielmehr, daß die c’t nicht jeden Social Media Firlefanz, für den sich nach vier Monaten bereits keiner mehr interessiert, als die allercoolste Erfindung seit dem Buchdruck anpreist.

Sich darüber zu beschweren, ist so, als würde man seinen Volvo zur alteingesessenen, zuverlässigen Kfz-Werkstatt bringen und sich hinterher beklagen, daß die da einem keine Bodenbeleuchtung oder Heckscheibentattoos verkaufen.

Aber wir wollten ja über Google Chrome OS sprechen.

Lumma glaubt, genau zu wissen, was die Masse will, nämlich:

Natürlich wird Google Chrome OS der Windows-Killer sein, und zwar präzise, weil es nicht mit Windows vergleichbar ist, sondern sich auf das konzentriert, was die Masse der Anwender interessiert: Anschalten, Nutzen.

Ist das wirklich so? Ich bezweifle es. Das mag vielleicht auf Haushaltsgeräte zutreffen, mit denen man einfach nur eine einzige Aufgabe mit möglichst geringem Aufwand erledigen will. Bei etwas so persönlichem wie dem eigenen Rechner sieht das meines Erachtens anders aus.

Ein großer Teil der Anwender, die ihre Hardware vor allem privat nutzen, wollen irgendwann anfangen zu basteln. Das Ding soll schneller laufen. Es soll irgendwas Spezielles können. Oder es soll sich einfach von dem Ding, das die anderen haben, unterscheiden.

Lumma erinnert mich in seinen Ausführungen an die Leute, die damals Set-Top-Boxen des Unternehmens “met@box” unters Volk bringen wollten. “Total einfach zu bedienende Geräte”, die man nur an den Fernseher anschließen mußte, und schon war man im Internet und konnte auf Webseiten surfen. Tja. Die Leute haben trotzdem lieber PCs gekauft, weil sie damit auch auf Anwendungsfälle vorbereitet waren, die der Hersteller noch nicht für seine Kunden vorgesehen hatte.

So ähnlich sehe ich es auch mit Google Chrome OS. Sicher, es wird möglicherweise eine große Zahl von Benutzern geben, die sich nichts weiter wünschen, als einen Browser mit Tastatur dran.

Aber spätestens, wenn sie zwischen Hannover und Berlin nicht mal mehr GSM-Empfang haben und sie weder irgendeinen Text lesen noch schreiben können, keine Musik hören und kein Solitär spielen können, wenn sie also feststellen, daß sie nichts weiter als einen akkubetriebenen – wenn auch virenfreien – Plastikklotz in ihrem Reisegepäck haben, wird die große Ernüchterung eintreten.

“Das Web wird den Desktop ersetzen,” schreibt Lumma. Ich glaube noch nicht daran.

Update: Robert hat da auch nochmal was zu geschrieben, dem ich mich durchaus anschließen kann, weil er nicht von einem Entweder-Oder-Irgendwas-Killer ausgeht, sondern von Koexistenz.

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