Als mir der Versender aus der Schweiz, bei dem ich die Hardcore-CD "Violent Epiphany" der Band Icepick bestellt hatte, eine Mail mit dem Hinweis schickte, daß der Zoll immer wieder mal Stichproben durchführen würde, und daß man sich jetzt bereits für eventuelle Verzögerungen entschuldige, ahnte ich schon nichts Gutes.
Statt der erhofften CD hatte ich stattdessen auch folgerichtig eine Mitteilung der Post im Briefkasten, in der stand, daß ich mein Paket doch bitte beim Zollamt Hameln abholen solle, und zwar bitte innerhalb von 7 Tagen, sonst würden Aufbewahrungsgebühren erhoben.
"Ja, danke," brummte ich, "wer hat Euch denn bitte gebeten, mein Paket aufzubewahren, ich etwa?"
Vorzulegen hätte ich außerdem einen Beleg über die Zahlung, eine Rechnung (falls vorhanden), sowie Angaben über Art und Inhalt der Sendung.
Ich sah erstmal bei Wikipedia nach, schließlich würde ich einem Zollbeamten (ich stellte mir Uwe Friedrichsen alias "Zollfahnder Zaluskowski" vor) erklären müssen, was "Hardcore" bedeutet, wenn damit nicht Pornofilme gemeint sind: "Der Hardcore-Punk (zumeist einfach Hardcore oder HC abgekürzt) entstand Ende der 1970er Jahre in den USA und unabhängig davon in Großbritannien als radikalere und schnellere Weiterentwicklung des Punk Rocks."
Ja, radikal, da wird er sich freuen, der Herr Zaluskowski.
"Na, wird schon werden," dachte ich und fuhr mit dem Roller zum Zollamt.
Ich betrat eine Parallelwelt. Wenn irgendetwas so aussieht, wie eine Behörde aus den 60er Jahren, dann das Zollamt Hameln.
Nach dem Öffnen der schweren Holztür findet man sich in einem dunklen Vorraum wieder, der wiederum den Blick auf weitere Holztüren eröffnet, bei denen alle tiefdunkelbraunen Holzschwellen mit schwarz-gelben Stolpermarkierungen ausgestattet sind.
An der einzig sichtbaren Glastür hängt ein mörderwitziger Aufkleber, vermutlich frisch vom letzten Einsatz an der Autobahnraststätte: "Ich Chef, du nichts."
Das schafft Bürgernähe.
Drei weitere Türen sind beschriftet mit "Einfuhr", "Ausfuhr" und "Post". Auf gelbem Papier gedruckt und laminiert.
"Hm, irgendwie ist es ja Einfuhr, andererseits Post," überlege ich noch, da fällt mein Blick auf einen wuchtigen, ca. 100 x 150 cm großen Schaukasten mit Metallrahmen und Glasfront, in dem – wie die Öffnungszeiten im Freibad – mit verschiebbaren Buchstaben die verschiedenen Räume angezeigt werden.
Der Informationsgehalt ist jedoch dürftig und der Größe des Schaukastens nicht angemessen: "Einfuhr – Raum 1, Ausfuhr – Raum 2, Post – Raum 3"
Mehr nicht. Die Schaukästen gab's offenbar nur in Einheitsgröße.
Aus dem Raum "Post" sind Stimmen zu hören. Mal um die Ecke schauen, tatsächlich, da ist ein Tresen, an dem gerade jemand irgendeine Gebühr bezahlt. Ich hoffe, das bleibt mir erspart.
Ich setze mich auf einen Wartestuhl. Die einzige Lektüre ist ein Katalog, aus dem man Verkehrsschilder bestellen kann. "Heute bestellt, morgen geliefert." Ich überlege, ob ich ein Stopschild bestellen soll, zumindest mal gucken, was sowas kostet, aber der Katalog ist noch eingeschweißt.
Kurze Zeit später kommt jemand von draußen herein, grüßt und geht zielstrebig in den Raum "Post". Ich will mich gerade noch beschweren, daß er sich nicht vordrängeln soll, da ruft er mich auch schon rein. Das ist also Herr Zaluskowski.
"Jaaaaaaaaaaa, alsoooooo, Nummer 395, wo haben wir's denn, ach hier, ist ja gar nicht so groß, was ist das denn? Ist das 'ne DVD?", fragt er und holt einen von mehreren gleichgroßen Pappumschlägen aus dem Regal.
"Das ist eine Musik-CD." Erstmal neutral anfangen, vielleicht reicht ihm das ja.
"Dann machen Sie das mal bitte auf," fordert er mich auf und legt mir den Umschlag zusammen mit einem Teppichmesser und einer Schere vor.
Während ich den Umschlag vorsichtig aufschneide, studiert er den Ausdruck, den ich von der Amazon-Bestellung gemacht hatte. "Ah ja, sind ja nur 14 Euro, dann ist das ja schonmal zollfrei, weil unter 22 Euro."
Ich fische eine eingeschweißte Doppel-CD-Hülle und die Rechnung aus dem Zollumschlag.
Hä? Was soll denn der ganze Unsinn hier?
Ich hatte erwartet, daß die den ursprünglichen Versandumschlag noch gar nicht geöffnet hatten, aber offenbar haben die Zollfritzen eigenhändig die CD-Hülle samt Rechnung in ihren eigenen Pappumschlag eingetütet. Da steht fett der zollfreie Rechnungsbetrag, und daß es sich um eine Audio-CD handelt, ist auch offensichtlich, wieso soll ich denn jetzt hier nochmal alles vorlegen?
Und vor allem: Was soll ich denn wohl für Angaben über Art und Inhalt der Sendung machen? Daß das keine Kaffeemaschine ist, sieht man ja.
Zaluskowski mustert das hardcorepunkmetalmäßige Artwork der Hülle von allen Seiten: "Und was ist das jetzt hier?", fragt er, während sein Blick an zwei gezeichneten, blutenden Totenschädeln kleben bleibt.
"Wie ich schon sagte: Eine Musik-CD." Keine Reaktion. "Das ist Hardcore." Nichts. "Punk." So langsam kommt Regung in sein Gesicht.
Ich eröffne ihm: "Keine Sorge, nichts Extremistisches." Da erhellt sich seine Miene. Schade. Gerade wollte ich ihm anbieten, daß wir mal zusammen reinhören könnten. "Wird ja auch frei bei Amazon verkauft." Und selbst wenn: Bei dem Gebrülle versteht man den Text doch eh nicht.
"Ja, ach so, nee, dann ist das ja ok. Wir können ja auch nicht alles kennen." Tatsächlich. Der wollte tatsächlich von mir persönlich hören, daß da keine illegalen Inhalte drauf sind. Ich muß anscheinend einigermaßen glaubwürdig auf ihn wirken.
Na, dann: "Nee, das glaube ich wohl, daß Sie das nicht kennen."
Nochmal ein kurzer, mißtrauischer Blick von Zaluskowski, der jedoch schnell wieder in routinierte Freundlichkeit übergeht: "Dann mache ich das noch mal eben fertig, so, hier bitte unterschreiben, daß Sie die Sendung erhalten haben, dankeschön. Tschüß dann!"
"Äh, ja. Tschüß."
Ich glaube, in der Schweiz bestelle ich zukünftig nichts mehr.







Moin Lars,
ok, umgekehrt (D > CH) geht das so:
In Deutschland bestellen, 40 Euro bezahlen, Lieferung kommt frei Haus, alles gut.
Drei Tage später eine knackige Rechnung von irgendeinem 'Dienstleister': Für zollfreie(!) Lieferung Gebühren von 20 Euro. Klasse! Aargrhh!
Falls Du mal wieder was aus der Schweiz brauchst, lass es zu mir schicken, ich bring's dann nach Deutschland und schick's Dir dann zu.
Gruss aus CH,
Uli
Sehr amüsant aufgeschrieben ;)
und jetzt stehst du wahrscheinlich auf irgend einer 60er jahre-liste mit dem vermerk: evtl.ganz böser mensch, der evtl. ganz böse und evtl. extremistische musik hört! ;-)
den gleichen Spass hatte ich mal in München bei einer Buchbestellung bei amazon in den usa (die auch von amazon als Buchsendung von aussen beschriftet war) .. lol .. es waren Bücher zum thema HotRods, PinUps und die ganze Tattoo Subkultur .. Der freundliche Beamte fand das auch alles sehr interessant und es war auch kein Schweinkram dabei. Nachzahlen musste ich auch nix und auch die hatten es schon vorab geöffnent ..
War eine der unsinnvollsten Stunde meines Lebens (neben der Bundeswehr) ..
…so ein Stopschild ist doch gerad total en Vogue :D
Ich hätte ein "Durchgang verboten!" Schild bestellt und denen an die Eingangstür gedengelt…