Ein Tweet von Johnny Haeusler (aka @spreeblick) machte mich auf den RSS-Reader "Fever°" aufmerksam. Entwickelt wurde Fever° von Shaun Inman, der auch bereits für die Webstatistik-Software "Mint" verantwortlich ist.
Nun war ich mit dem Google Reader als RSS-Reader bisher recht zufrieden, wozu also wechseln, zumal Fever° 30$ kosten soll?
Weil Fever° wirklich anders ist.
Herkömmliche Feedreader zeigen die Feeds chronologisch an, man muß sich also der Reihe nach durch die zu lesenden Feeds durcharbeiten, um auf dem Laufenden zu bleiben. Dabei passiert es jedoch immer wieder, daß man manchmal mehrere Tage lang keine Zeit hat, seine Feeds zu scannen. So gehen zum Teil Themen einfach in der Masse unter, man kommt nicht mehr nach, und irgendwann setzt man einfach alle Feeds auf "gelesen" und startet neu.
Um zu erklären, wie Fever° dieses Problem löst, bietet sich ein kurzer Exkurs an:
Sicher kennt ihr den nicht oft genug zu lobenden Dienst "Rivva" von Frank Westphal, der die meistdiskutierten Themen der deutschen Blogosphäre abbildet. Das, was zur Zeit am heißesten im Gespräch ist, steht bei Rivva ganz oben, dadurch erhält man einen Überblick darüber, was die deutschen Blogs momentan am meisten bewegt. Rivva hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Es ist nicht personalisierbar. Wer sich also beispielsweise nicht für Zensursula interessiert, wird in den letzten Wochen nicht viel Freude an Rivva gehabt haben, dieses Thema war einfach dauerhaft präsent.
Fever° erzeugt nun für den Benutzer einen eigenen, nur für ihn relevanten Überblick über die Themen der vergangenen Tage.
Der sieht zum Beispiel bei mir für die letzten 2 Tage so aus:

Fever° teilt dazu die beobachteten Feeds in zwei Kategorien ein: "Kindling" und "Sparks".
In die Gruppe "Kindling" kommen alle Feeds, die man auch tatsächlich verfolgen will, und bei denen man möglichst nichts verpassen möchte. Je nachdem, auf welche Artikel diese Blogs untereinander verweisen, wird die Wichtigkeit (Temperatur) einzelner Artikel entsprechend erhöht.
"Sparks" hingegen sind Feeds, die man üblicherweise lediglich überfliegt, beispielsweise Webseiten und Blogs mit hohem Output und einer großen Anzahl an Links. Diese Sparks (="Funken") dienen nun dazu, bei bestimmten Themen das Feuer zusätzlich anzuheizen, indem sie mit ihren Links die Relevanz erhöhen.
Ich will das an einem Beispiel der vergangenen Woche verdeutlichen:
Der oben verlinkte Artikel "Finde den Unterschied" stammt aus einem Blog, das mir bis dahin völlig unbekannt war, nämlich unpolitik.de. e13.de, killefit.net und netzpolitik.org sind Blogs, die ich tatsächlich verfolge und die darauf verwiesen haben. Der vorletzte Link stammt von Nerdcore, der allerdings jeden Tag soviel raushaut, daß ich ihn als "Spark" klassifiziert habe, wenn ich bei ihm also mal was verpasse, stört mich das nicht so sehr. Sein Link kann mir jedoch nach wie vor dazu dienen, den eigentlichen Artikel weiter nach oben zu transportieren.
Dadurch kann ich auch nach einer längeren Abwesenheit sofort erkennen, was derzeit wichtig ist und kann gegebenenfalls noch rechtzeitig mit einem eigenen Artikel dazu reagieren. Zusätzlich werde ich auf stark verlinkte Artikel in Blogs aufmerksam gemacht, die ich ansonsten möglicherweise überlesen hätte.
So habe ich also meinen ganz persönlichen "Rivva-Stream", der mir immer das nach oben befördert, was zur Zeit in den von mir abonnierten Blogs los ist. Bei einer anderen Feedzusammenstellung ergeben sich natürlich ganz andere Konstellationen, wer sich also vor allem für Pferdeblogs interessiert und diese auch abonniert hat, wird logischerweise ganz andere Themen an erster Stelle angezeigt bekommen.
Der Zeitraum, der betrachtet werden soll, kann ebenfalls eingestellt werden.
Zusätzlich ist Fever° aber auch ein vollwertiger Feedreader, der Untergruppen unterstützt. Innerhalb der Gruppen kann chronologisch auf- und absteigend sortiert, außerdem können später zu lesende Beiträge zwischengespeichert werden.
Wie der Google Reader ist Fever° keine lokale Applikation, sondern muß auf einem eigenen Webserver installiert werden. Die Installation ist jedoch sehr simpel und wird außerdem auf der Produktseite in einem Video erklärt.
Um die Feeds zu aktualisieren, muß ein Cron-Befehl eingetragen werden, alternativ geht auch eine Aktualisierung im Browser.
Fever° stellt zusätzlich eine für das iPhone optimierte, sehr schicke Oberfläche zur Verfügung, so daß man auch unterwegs immer auf dem Laufenden bleibt:
Hier gab es jedoch einen kleinen aber unschönen Fehler, zumindest nach meiner Auffassung. Sofern man nämlich auf dem iPhone lediglich die Übersicht der neuen, ungelesenen Beiträge aufrief, markierte Fever° alle gelisteten Artikel als gelesen, obwohl man diese noch gar nicht angetippt hatte.
Um das zu verhindern, muß man eine Codezeile auskommentieren. (Vorher Backup anlegen!)
Im Verzeichnis "<FEVERHOME>/firewall/app/views/mobile/scripts" die Datei "iphone.js" aufrufen und die Funktion "markAllVisibleItemsAsRead" suchen.
Darin die Zeile 564 wie folgt auskommentieren:
Statt
this.markItemsAsRead(itemIds);
muß da stehen:
//this.markItemsAsRead(itemIds);
Dann werden Artikel erst dann als gelesen markiert, wenn sie wirklich aufgerufen wurden.
Alles in allem:
Ich benutze Fever° jetzt seit ein paar Tagen anstelle von Google Reader, und ich muß sagen, das Ding gefällt mir ausgesprochen gut. Die Optik ist sehr ansprechend, die Funktionalität ist wirklich praktisch und nach der kleinen Korrektur fürs iPhone hat man einen praktischen Feedreader für unterwegs, der zugleich dafür sorgt, daß alles synchron bleibt.
Ein weiterer Vorteil ist die Tatsache, daß der zugrundeliegende Quellcode frei änderbar ist, so läßt sich zum Beispiel problemlos eine andere Darstellung erzeugen, indem man einfach die entsprechende CSS-Datei ändert.
Da Fever° sehr individuelle Ergebnisse liefert, gibt es leider keine Demo, dafür ist jedoch auf der Produktwebseite ein sehr anschauliches Demo-Video vorhanden.
Die 30$ muß man natürlich übrighaben, aber das ist mir die Software auf jeden Fall wert, zumal bei einem derzeitigen Versionsstand von 1.02 davon ausgegangen werden kann, daß da noch einiges an Entwicklung und somit weitere Features dazukommen.

