Zur Vorgeschichte:
Gegen den Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss (früher SPD, jetzt Piratenpartei) wurde Anfang des Jahres der Vorwurf erhoben, sich kinderpornografisches Material verschafft zu haben, gegen ihn wird derzeit ermittelt. Tauss ist für seinen Sachverstand in Fragen zu digitalen Medien bekannt. Er räumte die Tat ein, erklärte dies jedoch mit Recherchetätigkeit, da er den zuständigen Behörden nicht traue.
Jörg Tauss ist nun am vergangenen Samstag aufgrund des beschlossenen Gesetzes zur Sperrung von Internetseiten aus der SPD aus- und in die Piratenpartei eingetreten.
Einige halten die Aufnahme Tauss' für einen schwerwiegenden Fehler und verabschieden sich jetzt bereits von der Piratenpartei, hier David Schraven von den Ruhrbaronen:
"Warum habt ihr nicht wenigstens das Verfahren abgewartet? Ob es ein Urteil gibt oder nicht?"
Dem möchte ich aus verschiedenen Gründen widersprechen.
- Jörg Tauss ist als unschuldig anzusehen. Und nicht deshalb, weil ich mehr wüßte als irgendjemand in dieser Sache, sondern weil er es aufgrund der Unschuldsvermutung in einem Rechtsstaat sein muß. Eine Beurteilung, ob sein Handeln zulässig war oder nicht, hat die Judikative vorzunehmen und niemand sonst. Alles andere widerspricht dem Kern unseres Rechtssystems, auch, wenn Herr Schäuble das mitunter anders sieht. Da die Piratenpartei sich insbesondere der Stärkung der Bürgerrechte verschrieben hat, blieb ihr keine andere Wahl, als ihn aufzunehmen, selbst eine Bitte an ihn, nicht einzutreten, hätte ihr zu Recht den Vorwurf eingebracht, unglaubwürdig zu sein.
- Wer fordert, Tauss abzulehnen, hätte konsequenterweise auch seinen Rauswurf aus der SPD fordern müssen. Das hat jedoch nichtmal die SPD selbst getan, zumindest nicht offiziell, obwohl sie ihn bei der Debatte um die Zensursula-Gesetze mehr als schäbig behandelt hat.
- Sollte Tauss rechtskräftig verurteilt werden, gehe ich davon aus, daß er die Partei freiwillig wieder verläßt, zudem gilt jedoch §45 StGB Abs. 1, der besagt, daß mit einer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auch der Verlust der Wählbarkeit einhergeht. Damit würde er automatisch aus der Piratenpartei ausgeschlossen.
- Tauss ist Mitglied wie jedes andere auch, als Mandatsträger nur seinem Gewissen unterworfen, und daß er sich von einer Piratenpartei nicht in sein Abstimmungsverhalten reinreden lassen würde, hat er in der Vergangenheit auch als SPD-Mitglied oft genug bewiesen.
- Die Piratenpartei wird, genau wie die über 134.000 Petitionsunterzeichner, von einfach gestrickten Populisten ohnehin als eine Vereinigung tituliert, die sich gegen die Bekämpfung von Kinderpornographie sträube und die außer "Freie Downloads für alle" kein Programm habe. Damit müssen wir leben, ob mit oder ohne Tauss.
Wer fordert, Tauss wegen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe abzulehnen, der ist voll auf die schamlose Taktik von CDU und SPD hereingefallen, mit der sie versuchen, Kritiker mundtot zu machen: Daß man beim Thema Kinderpornographie ja wohl kaum unterschiedlicher Meinung sein könne und jeder, der Kritik äußert, sich als Pädophiler bezeichnen lassen müsse.
Daß die große Koalition auf solche Mittel zurückgreifen muß, zeigt deutlich, wie groß ihre Angst vor der eigenen aufgeklärten Bevölkerung ist.






Sehe ich genauso. Wer Tauss wegen Ermittlungen direkt als Kinderficker bezeichnet, meint auch, dass Andrej H. Terrorist ist. Ein solcher Vorwurf wird nicht umsonst als moderner Pranger bezeichnet. Aber Verurteilungen nicht den Gerichten zu überlassen und ja eh symptomatisch für diese Koalition.
[...] einer andere Kerbe stösst das Splitblog: "Die Aufnahme von Jörg Tauss in die Piratenpartei war völlig richtig". Da geht es nicht um das bisherige Abstimmungsverhalten von Tauss sondern um den Vorwurf der [...]
ich halte die aufnahme von herr tauss in der Piratenpartei ebenfalls für völlig richtig. Auch ich berufe mich dabei auf die Unschuldsvermutung. diese gilt für jeden! außerdem sollte jeder politiker auf sein gewissen hören. selbst bei mandatsträgern, bei denen es ausdrücklich so sein sollte fehlt wohl oft der mut. herr Tauss hat mut bewiesen. danke!
Danke dafür! Ich wollte auch so ein Posting schreiben, aber du schreibst es wie immer schon perfekt hin :)
Ich möchte noch hinzufügen, dass die, die sich jetzt von der Piratenpartei abwenden, scheinbar vorher auch gar nicht das Programm (bzw. die Ziele) gelesen haben. Als Argument gegen die Vorratsdatenspeicherung wird u.a. die Unschuldsvermutung angeführt und die muss natürlich auch bei heiklen Themen weiterhin gelten..
[...] Quelle: Die Aufnahme von Jörg Tauss in die Piratenpartei war völlig richtig – spitblog. [...]
Und vielleicht noch: Tauss ist ein(!) Mitglied der Piratenpartei. Selbst wenn mal also etwas gegen Tauss und/oder den Beitritt hat. Ich wette es gibt selbst in der Piratenpartei mehrere Leute, die mir unsympathisch sind.
Auch die Piratenpartei ist nicht einfach so da, sondern muss von den Mitgliedern gestaltet werden. Ich hoffe in der Hinsicht, dass man sich weiterhin auf die Kernziele konzentriert und nicht versucht in allen Richtungen mitzureden, sonst können sich evtl. wirklich nicht mehr so viele mit den Zielen identifizieren.
Bezeichnend finde ich, wie schnell im Lager der so begeistert Vorverurteilenden jegliche Contenance über Bord geworfen wird, wenn auf die Fakten in rechtlicher Hinsicht verwiesen wird, wie du es auch hier getan hast.
Schätze, dass mit Gelassenheit, den Tatsachen und einem Lächeln die meist schäumenden Kritiker problemlos zur Implosion gebracht werden können…
Sorry, außer "fAck" fällt mir dazu nicht viel ein ;-)
Merci für den Artikel!
[...] Jörg Tauss und seine gegenwärtige Vergangenheit [...]
Habe über das Thema auch eine Zeit lang nachgedacht – und komme am Ende zum selben Schluß wie Du.