In Hameln schließt Hertie also auch. Und bei allem Verständnis für die Situation der Mitarbeiter: Es wundert mich, warum der Laden überhaupt so lange existiert hat.
"Hertie" heißt die Filiale hier vor Ort ja erst seit einem Jahr, davor firmierte sie noch unter "Karstadt" und war das unattraktivste Geschäft der ganzen Innenstadt.
Das ist es allerdings woanders auch. Die jeweilige Karstadt-Filiale einer beliebigen Stadt ist schnell gefunden: Einfach durch die Fußgängerzone gehen, bis man das häßlichste Gebäude weit und breit gefunden hat, und da isses dann.
Bei Karstadt einkaufen war schon immer eine Reise in die Vergangenheit. Im Erdgeschoß gab es Bekleidung und Kosmetik für Damen und Herren ab 45, im Untergeschoß Töpfe und Pfannen für Hausfrauen und Nana-Mouskouri-CDs zur musikalischen Begleitung in der Küche. Die Bücherauswahl reichte von Utta Danella bis Hera Lind, in der Sportabteilung machte man als Kunde einen großen Bogen um die allgegenwärtige Hausmarke "Alex", und die Spielzeugartikel waren auch irgendwie alle uncool.
Leute, die bei Karstadt einkauften, guckten auch Verwechslungskomödien mit Herbert Herrmann und Susanne Uhlen, hörten Andrea Bocelli und fuhren Kettler-Fahrräder.
Zu Karstadt ging man immer als allerletztes, aus purer Verzweiflung, nachdem man überall sonst schon war und den Artikel, den man haben wollte, nicht gefunden hatte. Dort gab es ihn dann natürlich auch nicht, aber man konnte zumindest von sich sagen, alles versucht zu haben.
Während man sich ja in anderen Geschäften lieber an ältere, erfahrene und somit fachkundigere Verkäufer wendet, war es bei Karstadt immer umgekehrt. Händeringend hielt man Ausschau nach irgendjemandem unter 30, der noch nicht so affektiert war wie die Verkäufer, die schon dabei waren, als vor der Ladentür gegen den Vietnamkrieg protestiert wurde. Doch es gab sie nicht, die jüngeren, denen die Mitgliedschaft im elitären Karstadt-Verkäufer-Club noch nicht so zugesetzt hatte.
Immer kam dieses besonders wichtigtuerische Exemplar um die Ecke, der einen immer erst von oben bis unten musterte, bis er sich dann ein abfälliges "müssense zum MediaMarkt gehen" abrang und eine Wolke Altherren-Eau-de-Toilette hinter sich herziehend wieder entschwand. Ich bin mir sicher, er hat in seinem Telefonbucheintrag extra "Einzelhandelskaufmann" eintragen lassen, weil er damals so stolz darauf war, es nun so richtig geschafft zu haben. Immerhin war er ja bei Karstadt1 und nicht bei diesem Loserverein Hertie, den er ja damals schon erfolgreich überlebt hatte.
Nun ist er im letzten Jahr doch bei Hertie gelandet, und selbst die wollen ihn nicht mehr haben.
Das ist bitter, keine Frage.
Noch bitterer ist es aber, jahrzehntelang nicht zu realisieren, daß man in einem Laden arbeitet, dessen Verkaufskonzept "Wir haben alles, aber nichts richtig und das meiste eher etwas teurer" sich seit 1955 nicht mehr geändert hat.
___- Das muß man sich jetzt wie "Excalibur!" betont vorstellen.[ ↵]








