Technikgedöns

Den nachfolgenden Text habe ich extra für den Wortpalast Bielefeld vom Samstag geschrieben, dort scheint er, soweit ich das beurteilen kann, ganz gut angekommen zu sein. Schwarz auf weiß geht ein bißchen vom Spaß flöten, dennoch möchte ich ihn euch nicht vorenthalten.

Ich liebe technisches Spielzeug. Ach, Quatsch, ich bin süchtig danach.

Sobald ich über eine gewisse Menge Geld verfüge, die jetzt aber eigentlich nun wirklich mal zum Ausgleichen des Dispo-Kredites gedacht war, setzt sich sofort ein kleiner Kobold mit rotem MediaMarkt-Polo-Shirt auf meine Schulter und flüstert mir versaute Sachen ins Ohr: "Na, du, wollen wir beide ein bißchen Spaß haben? Komm, du willst es doch auch. Irgendwas mit USB-Schnittstelle. Oder mit W-LAN, na, wär das was?"

Es ist nicht so, daß ich in dem Moment schon wüßte, was ich haben möchte, nein, das kommt erst im Laden, im Grunde genommen könnten sie auch gleich, wenn ich durch die Schiebetür gegangen bin, ausrufen: "Ein Mitarbeiter bitte zur Info, ein Kunde möchte Schnickschnack kaufen."

Und bevor die Sonne untergeht, gehe ich mit irgendeinem technischen Dingens aus dem Geschäft hinaus, zum Auto, verstecke den Kassenbon, knibbele die Preisschilder ab und überlege, wieviel das Produkt wohl maximal gekostet haben darf, damit meine Freundin mich nicht für komplett bescheuert hält.

Dieser Preisverfall in der Unterhaltungselektronik, wirklich unglaublich, da sind gerade erst gekaufte Geräte bereits zu Hause höchstens noch die Hälfte wert.

Sofern man aufgeflogen ist, und auch die Standardrechtfertigung "Dafür kauf ich mir wenigstens keine neuen Schuhe" nicht mehr zieht, weil sie der Ansicht ist, daß man die alten, ausgelatschten und zudem potthäßlichen Treter nach 8 Jahren eigentlich schon mal ersetzen könne, hilft übrigens nur noch die Flucht nach vorn:

Mit inbrünstiger Überzeugung demonstrieren, wie unvermeidlich der Kauf angesichts der Funktionsvielfalt des Gerätes war.

Mein Navigationsgerät beispielsweise hat nahezu alle Geschwindigkeitsbeschränkungen Deutschlands gespeichert und warnt mich, sobald ich mehr als 5 km/h zu schnell fahre. Seitdem ich das Gerät habe, fahre ich jetzt grundsätzlich immer 10 km/h zu schnell, um zu testen, ob der Alarm auch ordnungsgemäß losgeht.

Außerdem sagt es mir an, auf welcher Straßenseite sich das Ziel befindet, wenn man angekommen ist. Das ist wirklich toll. Wenn ich mir überlege, wie oft ich schon erst auf der linken Seite aus dem Auto gesehen und festgestellt habe: "Oh, die ungeraden Hausnummern sind auf der anderen Seite", unglaublich, wieviel Zeit dafür draufgegangen ist.

Noch faszinierender allerdings finde ich mobile Internetgeräte. Neulich erst haben wir uns mit einem Holzboot übers Steinhuder Meer fahren und auf der Insel Wilhelmstein absetzen lassen. Da wurden dann Führungen für 3 Euro pro Person angeboten. Aber ich bin ja nicht blöd, ich habe gleich online bei Wikipedia nachgeguckt, was es da auf der Insel so zu entdecken gibt. Und siehe da: Nichts. Gar nichts gibt es da zu entdecken.

Und schon wußte ich, daß ich mir die 10 Euro für die Holzbootüberfahrt auch gleich hätte sparen können.

Was ich übrigens nicht empfehlen kann, ist, sich Technikspielzeug liefern zu lassen. Die Wartezeit ist die Hölle, und zwar für alle Beteiligten.

Vor kurzem habe ich einen sehr guten Freund aus Süddeutschland gebeten, ein zu dem Zeitpunkt nur dort verfügbares Mini-Notebook für mich zu kaufen und mir per Paket zuzuschicken.

Ich weiß genau, daß ich zu ihm ausdrücklich "Paket" gesagt habe. Pake-het. Und was macht der? Dieser Versandlegastheniker? Schickt es ökologisch als Pluspäckchen GoGreen mit recyclebarer Verpackung und klimaneutralem Versand. Verfluchter Hippie. Das muß man sich mal vorstellen, der verschickt das ohne Versicherung und noch schlimmer: Ohne Sendungsverfolgungsnummer. Ich will meine Lieferung aber nicht umweltfreundlich, ich will sie verdammt nochmal jetzt.

Ich habe mir dann einen Tag Urlaub genommen, um zu Hause auf das Scheißdrecks-Kack-Öko-Päckchen zu warten, während ich meinen nicht mehr ganz so guten Freund mit bösen Flüchen belegte.

Ich bin extra um 8:00 Uhr morgens aufgestanden, habe Kaffee gekocht und mich etwa alle 30 Minuten vergewissert, daß die Türklingel einwandfrei funktioniert.

Um 10:00 Uhr stellte ich einen Eimer neben die Wohnungstür in den Flur. Ich wollte nicht zu spät am Türöffner sein, nur weil ich mal pinkeln müßte, dann doch lieber auf Nummer Sicher gehen.

Um 14:00 Uhr klingelte ich bei allen 7 Nachbarwohnungen und habe gefragt, ob da vielleicht irgendwas für mich… – nein? – naja, danke, hätte ja sein können, ich erwarte da nämlich was, danke nochmal.

Um 16:30 klingelte ich nochmal bei meinen Nachbarn und schrie sie an, sie sollen gefälligst nicht so tun und mein Päckchen herausrücken, ich hätte sie durchschaut, und überhaupt könne man ja niemandem mehr trauen, in was für einer Welt leben wir eigentlich, wo die eigenen Nachbarn, eine Unverschämtheit wäre das.

Um 18:00 Uhr begann ich mich zu betrinken, woraufhin ich um 20:00 Uhr versehentlich den Pinkeleimer umtrat, aber das war mir inzwischen egal. Ich riß die Balkontür auf, brüllte noch "Ihr verdammten Schweine" auf die Straße herunter und legte mich schlafen, immerhin müßte ich ja morgen wieder früh raus, auf den Postboten warten.

Als das Päckchen dann schließlich am darauffolgenden Samstag ankam, hatte ich bereits einen Brief mit horrenden Schadenersatzforderungen an den ehemaligen Freund fertiggestellt und ihn online bei der GEZ angemeldet, soll er mal sehen, was er davon hat.

Vorher hatte ich noch ein Kündigungsschreiben an meinen Vermieter verfaßt, weil ich mit solchen Nachbarn nicht länger unter einem Dach leben wollte.

Als ich dann endlich mein ersehntes Notebook in den Händen hielt, war das alles vergessen und man hätte mir drei Tage lang das Grinsen aus dem Gesicht schlagen müssen, von alleine wäre das nicht weggegangen.

Meine Freundin hat übrigens die Befürchtung, daß die Intervalle, in denen ich mir neuen Technikkram kaufe, logarithmisch immer kürzer werden.

Es wird also darauf hinauslaufen, daß ich mit meinen ungeöffneten Kartons direkt von der Kasse wieder in den Technikbereich renne, um mir neue Produkte in neuen ungeöffneten Kartons zu kaufen.

Spätestens dann brauche ich wohl einen Psychotherapeuten. Aber den kann ich mir ja noch im Laden direkt online per Handy aus dem Internet heraussuchen.

Und wenn der da nicht zu finden ist, kann der mir eh nicht helfen.

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