Graham

Irgendwo tief in den Eingeweiden meines Kellers liegt unter Stapeln von Papier eine schwarz-weiß bedruckte Eintrittskarte, auf der mit Sicherheit ein Hinweis darauf steht, wann genau sich die nun folgende Geschichte abspielte.

Nun bin ich einerseits viel zu faul, um nach unten zu gehen und nachzusehen, andererseits ist das genaue Datum auch nicht ganz so wichtig, belassen wir es also bei "Frühjahr 1992" und denken uns in eine unbeschwerte Zeit, in der der Autor dieser Zeilen 17 Jahre alt war, die Haare bis zu den Schulterblättern trug, feiern konnte bis zum Umfallen und dies auch ausgiebig tat.

Es war noch ein Jahr bis zum Abitur, und die allgemeine Grundstimmung war eher gelassen. Mit Prüfungsvorbereitungen hatte man nicht allzuviel am Hut, bis zum unvermeidlichen Wehr- oder Zivildienst war noch jede Menge Zeit, und außerdem war Abifete.

Heutzutage heißt sowas ja Abi-Party, und die "feiert" man, oder man "geht halt hin". Vielleicht. Weil man ja möglicherweise hinterher noch in die Disco, nein, Entschuldigung, in einen "Club" geht.

Bei uns hieß das "Fete" und die war einfach. Woanders konnte man nicht hingehen und wollte das auch gar nicht.

Abifete ist schnell erklärt:

Der Jahrgang, der gerade sein Abitur gemacht hat, kauft hektoliterweise Bier, plaziert dieses in angemessenen Behältern auf einem geeigneten Gelände, und wer bereit ist, einen gewissen Obulus zu entrichten, darf beim Austrinken helfen.

Flatrate-Party, sozusagen. Aber damals gab es noch keine Mobiltelefone, bezahlbares Internet sowieso nicht, und eine Einheit war 6 Minuten lang und kostete 23 Pfennig.

Und so nannten wir das auch nicht "Flatrate", sondern "Eintritt zahlen und frei saufen". Der Effekt war jedoch derselbe.

Das Bier wurde per Zapfanlage von Mitgliedern des Abi-Jahrgangs in die mitgebrachten Plastikbecher befördert, bis der Notarzt kam, und das war nicht selten der Fall.

Im Laufe eines solchen Abifetenabends ergab sich unweigerlich immer folgende Situation:

Die Abiturienten mit der größten Bierbegeisterung stellten sich gleich zu Anfang hinter den Tresen und zapften ihre Schicht weg, dann hatten sie es hinter sich und konnten sich anschließend in Ruhe einen auf die Lampe gießen.

Das führte jedoch dazu, daß zu späterer Stunde die Schüler mit dem Leistungskurs Religion die Thekenschicht übernehmen mußten, was diese jedoch sichtlich überforderte.

Ich will diesen armen Menschen keine Böswilligkeit unterstellen, aber wenn man von zu Hause nur Kamillentee gewohnt ist, dann kann man sich in einen wütenden, sturzbetrunkenen Mob, dem man die Bierversorgung mehr oder weniger entzieht, nur schwer hineindenken.

Und so mußten die weniger zapferfahrenen Abiturienten sich immer wieder wüste Beschimpfungen gefallen lassen, bis sie entnervt aufgaben und uns hinter den Tresen ließen.

Das war unsere große Stunde. Nicht nur, daß wir nun direkt an der Bierquelle standen und uns dort reichlich bedienten, nein, wir wußten auch, wie man Bier zapft. Viel Bier. Schnell.

Wir waren Helden.

Ich zapfte und trank vor mich hin, bis irgendwann zwei riesige Pranken mit einem leeren Keramikkrug die Zapfanlage erzittern ließen.

Ich sah auf und wollte gerade sowas wie "ey, mach mal halblang" sagen, da sah ich in das Gesicht des Besitzers dieser hellroten Schaufeln.

Vor mir stand ein Industriehydrant.

Ein Brite, wie ihn sich alle Redakteure der "Sun" nicht besser ausdenken konnten.

Er war zwei Meter groß und so breit wie eine Tür, trug auf dem Kopf feuerrote Haare und im Mund keinen Schneidezahn mehr.

Er sah aus wie der Endgegner in einem 3D-Ballerspiel.

Sein mit Sommersprossen übersätes Gesicht war so groß wie ein Klodeckel, und es lachte mich an.

Vor mir stand ein überdimensioniertes Kleinkind, das dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen gerade eine Nacht in der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses verbracht hatte.

Mir war klar, daß ich dieses Monstrum vorrangig bedienen mußte, oder es würde mich einfach auf links ziehen und dabei immer noch lachen.

So befüllte ich seinen Literkrug so schnell ich konnte bis zum Rand mit Bier, wuchtete ihn auf den Tresen, wo er ihn in freudiger Erwartung an sich riß, in die Höhe stemmte und mich fröhlich anbrüllte:

"CHEERS, MATE, I'M GRAHAM!"

"Oh, hi, äh, cheers, I'm Lars."

"LARS? LIKE THAT CHAP FROM METALLICA? GREAT! LET'S HAVE ANOTHER ONE!" donnerte er zurück, setzte seinen Krug an und ließ ihn leer wieder auf den Tresen krachen.

Verdammt, der war schnell. Das würde ein harter Abend werden.

Als ich irgendwann wieder hinter dem Zapfhahn abgelöst wurde, konnte ich kaum noch stehen, dafür sprach ich mittlerweile lupenreinen Cockney-Dialekt oder was ich eben dafür hielt.

Ich wankte schließlich hinter die Dixi-Klo-Batterie, übergab mich lautstark und torkelte zurück, als ich von einem kleinen, aggressiven Wicht angepöbelt wurde.

Ich hatte den Typen während des ganzen Abends noch nicht gesehen, wußte aber: Abitur hat der nicht.

Er war offenbar auf der Suche nach einer Schlägerei und hatte sich mich in meinem Zustand anscheinend als leichtes aber lohnenswertes Opfer ausgesucht.

Es war seine schlechteste Idee an diesem Abend.

Als er anfing, mich zu schubsen, stand plötzlich Graham hinter ihm und verdunkelte die Sonne.

"TROUBLE?" rief er mir fragend zu.

"Little bit" antwortete ich noch, da landete auch schon eine volle Breitseite in Form einer radkappengroßen Hand Grahams im Gesicht des kleinen Mannes, woraufhin dieser stumpf zu Boden ging.

Ich wollte gerade ein "Thanks" hinterherschicken, da lag der Wicht auch schon in seinem eigenen Blut. Graham hatte auch noch etwas hinterhergeschickt, und das war seine Faust.

"Lassmalgutsein" nuschelte ich Graham zu, woraufhin der sich umdrehte, mich aus seinem schneidezahnlosen Gesicht anlächelte und sagte:

"Don't worry, that little fucker will be okay in a week. I've been a medic in the Gulf War."

Das klang irgendwie plausibel.

Er holte neues Bier, und an mehr kann ich mich nicht erinnern.

Graham jedenfalls habe ich nie mehr wiedergesehen.

6 Kommentare

Some rights reserved.