Es ist 0:30 Uhr. Wir erreichen den Laden, in dem gerade das Punkkonzert zu Ende gegangen ist.
Vor dem Eingang stehen ein paar vereinzelte Punks herum, die meisten sind offenbar schon gegangen.
Jeder Schritt läßt das Knirschen von Glasscherben zerschlagener Flaschen ertönen.
Ich verwerfe den kurz aufblitzenden Gedanken, ein Seminar mit dem Namen "Pfandsystem leichtgemacht – eine Einführung für Subkulturen mit beliebigem Bildungsgrad" anzubieten. Zuviel Aufwand, außerdem könnten die mich nicht bezahlen.
Wie auch, wenn sie ihr Pfandgeld auf dem Asphalt zerschellen lassen.
Wir gehen hinein und setzen uns an den Tresen im angeschlossenen Café.
Am Ende des Tresens stehen drei junge Frauen. Sie sind Bekannte von uns, grüßen aber nicht. Das machen sie nicht mehr, seitdem sie hier arbeiten.
Wie in einer Sekte. Wenn sie erstmal drin sind, bricht der Kontakt ab. Ich habe schon ganze Generationen an die Theke verloren.
Aber ich rege mich nicht mehr auf, immerhin gehe ich seit 18 Jahren in diesen Laden.
Die Bedienung stellt mir ein Bier auf den Tresen. Rein rechnerisch könnte ich sie hier gezeugt haben.
Im Kassensystem sind alle Tischnummern gespeichert. Einige der registrierten Tische gibt es gar nicht wirklich. Sie existieren nur im System und sind für Stammgäste vorbehalten. Neben der Kasse hängt ein in Klarsichtfolie eingeschlagener Zettel, mit einer Liste, auf der auch mein Name steht:
Lars – Tisch 73.
Ich bin ein Tisch.
Von draußen hört man noch ein wenig Gegröle, die letzten Punks verlassen den Veranstaltungssaal.
Mein Glas ist leer.
Ich stehe auf, ziehe meine Jacke an, verabschiede mich und trete vor die Tür. Es gießt in Strömen.
Ich lasse die letzten Konzertbesucher hinter mir zurück, die sich unter dem Vordach zusammendrängeln, um darauf zu warten, daß der Regen nachläßt.
Ich steige auf mein Fahrrad und komme völlig durchnäßt zu Hause an.
Ich gehe nochmal ins Bad, putze mir die Zähne, hänge die nassen Klamotten zum Trocknen auf und falle ins Bett.
Ich schalte das Licht aus, drehe mich auf die Seite und denke:
"Schönwetterpunks."
Dann schlafe ich ein.






Da hast Du es ja schon weiter geschafft als ich, ich bin (noch) kein Tisch, aber meine Besuche sind ja auch recht rar geworden. Aber das mit dem Grüßen ist echt komisch, ist mir auch schon mal aufgefallen. Und dabei ist Hameln doch die Stadt des Lächelns wie ich erst gestern gelernt habe.
Ist sie das?
Ja, angeblich schon. Jedenfalls gibt es an vielen Geschäften in der Innenstadt Aufkleber die dies behaupten. War mir auch neu.
siehe hier: http://www.hameln-marketing.de/stadtmarketing/offensive/index.htm
Hm, einem touristischen Mitarbeiter der Stadt Hameln mit so einem Grinsen würde ich weiträumig aus dem Weg gehen.
[...] Spitblog – »Ich bin ein Tisch« (…) Man kann sich nicht aussuchen, in welcher Zeit man lebt, und noch viel weniger kann man Zeit beliebig vor und zurück drehen. Man kann auch nicht einfach den letzten Buchstaben korrigieren, wie in dem Text, den ich gerade schreibe. Wer 'A' sagt, muss auch 'B' sagen und muss eventuell auch durch 'C' durch. Umdrehen nicht erlaubt. Vom fahrenden Zug springen manche, lassen dabei aber ihre Mitfahrgäste im Stich. Schließlich steigt aber doch jeder an seiner persönlichen Endhaltestelle aus. Von Individualisten geprägt, jeder hat seine Start- und Endhaltestelle. Die, die zufällig eine derer als die selbe haben, die begegnen sich selten im Zug. (…) [...]