oder: Warum gegen ein Leben in der Provinz nichts einzuwenden ist.
Eine Bekannte von mir, die vor einigen Wochen nach Berlin gezogen ist, war am Wochenende mal wieder hier zu Gast im Weserbergland.
Ich traf sie am Freitag in meinem Stammlokal, der "Sumpfblume". Auf meine Frage, ob sie sich schon in Berlin eingelebt hätte, antwortete sie: "Was mir hier in Hameln total auf die Nerven geht, ist, daß man vom Bahnhof aus nicht mit der S-Bahn oder dem Bus hierher fahren kann."
Darauf entgegnete ich, daß man vom Bahnhof aus ja auch nur 10 Minuten Fußweg zur "Sumpfblume" hat.
Offenbar hatte sie sich in der Tat bereits schnell an das Großstadtleben gewöhnt.
Mir ist jedoch klargeworden, wie sehr mir dieses "Berlin ist der Nabel der Welt"-Gehabe auf den Sack geht, das umso energischer vertreten zu werden scheint, je erfolgloser der zugezogene Wahlberliner in seinem Heimatkaff war.
Mischa vom Sparrenblog hat es kürzlich sehr schön beschrieben:
"Wer Bielefeld verlässt, weil er oder sie in Bielefeld nichts auf die Reihe bekommen hat und jetzt hofft, in Berlin, Hamburg oder sonstwo erfolgreicher zu sein, wird früher oder später ein böses Erwachen haben."
In der Titanic-Rubrik "Humorkritik" schreibt das Sammelpseudonym Hans Mentz:
"[…] allzuviele Berufsberliner sind ja von ihrer Wichtigkeit geradezu besoffen, da kann gepflegtes Desinteresse ein heilsames Gegenmittel sein."
Beide haben Recht.
In der Provinz kann man nämlich auch gut leben.
Von meinem Balkon aus kann ich nur deshalb nicht auf die 150 Meter entfernte Weser blicken, weil dazwischen zuviel Grünzeug herumwächst. Der Balkon gehört übrigens zu einer Mietwohnung, für die ich zwar monatlich nur ca. 170 € Kaltmiete bezahle, von der aus ich dennoch in ca. 10 Fußminuten in der historischen, von Fachwerkhäusern geprägten Innenstadt bin – macht das mal in Berlin.
Zudem kann ich von meinem Balkon aus in drei Himmelsrichtungen das Ende der Stadt sehen, weil diese von bewaldeten Hügeln umgeben ist.
Mit dem Fahrrad kann ich in ca. 30 Minuten von Ortsschild zu Ortsschild fahren.
Ich bekomme vor meiner Haustür immer einen Parkplatz, genauso wie es hier kaum Supermärkte ohne Parkplätze gibt. (Außer den einen Supermarkt in Innenstadtnähe, aber wenn ich mir dessen Kunden so anschaue, schätze ich mal, daß man denen den Führerschein bereits vor 20 Jahren abgenommen hat.)
Und wenn Seeed, die ich hier gerade auf meinem Balkon bei moderater Lautstärke höre, weil ansonsten um mich herum nur Vögel zwitschern, wenn Seeed also aus Hameln kämen, wüßte ich gar nicht, was an Berlin überhaupt so interessant sein soll.






*schluck*
Also als geborener Berliner muss ick da mal ein paar Argumente loswerden, warum Berlin aber doch toll ist. Und zwar:
… kann man 365 Tage in 365 verschiedenen Bars, Clubs und Diskotheken seine Abende verbringen (muss man aber nicht!)
… man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Gegend gondeln (muss man aber auch nicht!)
… man findet an jedem Sonn- und aber auch Feiertag Supermärkte und Bäcker die von 6 bis 22Uhr geöffnet haben (muss man allerdings ein bisschen durch die Gegend cruisen!)
Ick weeß nich, ick mag Berlin, einfach so und janz dolle!
Ist ja toll. Kann ich in München, Hamburg, Köln und Frankfurt sicher auch alles machen.
Und warum muß dann jeder Berliner immer von sich behaupten, in der geilsten Stadt und überhaupt und so zu leben?
Also, wenn ich da als aus der Provinz zugezogener Berliner auch mal mein dünnes Stimmchen erheben darf: Man kann Berlin schlecht anderen deutschen Städten und überhaupt nicht mit der Provinz vergleichen. In Berlin z.B. lässt sich immer noch halbwegs akzeptabel vegetieren, wenn man überhaupt nichts auf die Reihe bekommt, das fällt in HH schon schwerer und dürfte in K fast unmöglich sein. Ein Freund meinte mal, Berlin käme ihn vor wie ein Jugendzentrum für Leute, die nicht erwachsen werden wollen. Da würde ich ihm zustimmen.
Auf dem Land zu leben ist dann auch noch ein komplett anderer Lebensentwurf, der mir auch sehr gefällt (ich bin öfters mal in Beverungen), aber zumindest bei mir einen anderen mentalen Zustand erfordert, den ich (noch) nicht erreicht habe. Ausserdem fällt mir gerade in B. auf, wie wichtig es ist, von klein auf "dabei" gewesen zu sein. In der grossen Stadt kann man in der Masse untertauchen und sich selbst seine Posse suchen.
Ist alles nicht ganz einfach. Kann aber beides Spass machen.
@Haarbueschel: Völlig richtig, ich will auch niemandem seinen Wohnort madig machen. Das wäre ja auch albern.
Mich nervt halt immer nur das Getue von Großstädtern, dieses elitäre Selbstverständnis, das von Chauvinismus manchmal nicht mehr zu unterscheiden ist.