Der WDR hat also den Poetry Slam für sich und uns entdeckt. Eine halbe Stunde davon zeigt der WDR daher jeweils nachts von Sonntag auf Montag um 0:00 Uhr.
Ich halte das für eine gute Sache. Aus mehreren Gründen.
Einerseits ist Jörg Thadeusz als Moderator eine ausgezeichnete Wahl. Mir ist er vor allem noch von "extra 3" in Erinnerung, und ich könnte mir niemanden vorstellen, der besser für diesen Job geeignet wäre. (Leider gelingt es mir auf Anhieb nie, seinen Nachnamen richtig zu schreiben. Ich schätze, ihm auch nicht, und er benutzt dafür nur eine Kurztaste, "F7" oder so.)
Zum anderen ist es sehr lobenswert, wenn ein deutscher und insbesondere öffentlich-rechtlicher Fernsehsender mal wieder etwas riskiert, das genausogut in die Hose gehen könnte.
Zur Sendung selbst:
Das Format ist ein Kompromiß an die Sehgewohnheiten von Fernsehzuschauern, das muß man ganz klar sagen. Während die Protagonisten bei konventionellen Poetry Slams 5 Minuten und mehr Zeit haben, ihre Show darzubieten, müssen sie hier ihre Werke in einen 3-Minuten-Zeitrahmen pressen. Zudem dürfen auch nur jeweils fünf Slammer auftreten, aber immerhin.
Einem Publikum, das allein schon aufgrund seiner Altersstruktur mit dem "Fun-Freitag", "Die witzigsten Schädelbasisbrüche der Welt" oder dem unsäglichen "Deutschland sucht mal wieder Bekloppte, die sich zum Affen machen den Superstar" verblödet werden soll, muß man erstmal zumuten, sich 30 Minuten lang junge Menschen anzuschauen, die ohne Hilfsmittel Lyrik und Prosa live auf der Bühne vortragen.
Hut ab, WDR, dafür zahle ich gerne meine Gebühren.
Kommen wir zu den eigentlichen Akteuren der Show, den Slammern.
Den Anfang macht jemand mit dem unglaublich bescheuerten Spitznamen "Grohacke". Er trägt ein gereimtes Gedicht über den Ballonfahrer Jean (franz.) und dem Flieger Horst (deut.) vor.
Man ahnt es schon, es ist eine Ansammlung voller Klischees.
Der Franzose ist natürlich sowas von oh-la-la mit seinen Gauloises, während der Deutsche für die Rolle des kriegsgeilen Faschisten herhalten muß, dessen Frau am Ende – nein, wie frivol – auch noch aus dem Ballonkorb des Franzosen auftaucht.
Der Rhythmus war zugegebenermaßen stimmig, der Inhalt leider für meine Begriffe stinklangweilig und abgegriffen.
Den Anschluß macht Dörthe. Dörthe läßt mich an die Worte Rainald Grebes denken, der da singt: "Dört(h)e, du bist der Ausweg aus der Spaßgesellschaft."
Dörthe mag ich schon deshalb nicht, weil sie noch im Gespräch mit Jörg Thadeusz, bei dem Versuch, witzig zu sein, die Stimme verstellt und mit affektiertem Gehabe über Belanglosigkeiten ihres bisherigen "Was-ich-schon-alles-für-crazy-Sachen-gemacht-habe"-Lebens faselt.
Sie outet sich dann während ihrer Darbietung auch konsequent unsympathisch als militante Vegetarierin, der man beim besten Willen nicht abnimmt, daß sie das mit dem Scheiterhaufen, auf dem sie die Kochbücher mit den Fleischgerichten verbrennen (!) will, nur ironisch gemeint hat. Da zieht man als Zuschauer unwillkürlich das Gesicht zusammen und fragt sich, wie eigentlich "Veget-arier" getrennt wird.
Allein ihr Einstieg ist so entlarvend wie entnervend: "Vegetarier wollen einfach nur bessere Menschen sein."
Seid ihr aber nicht.
Man möchte ihr zurufen: "Dann iß halt kein Fleisch, aber geh nicht anderen Leuten damit auf den Sack."
Danke, WDR, für das 3-Minuten-Zeitlimit.
Da macht der nächste Kandidat schon einen okayeren Eindruck.
Er heißt Anselm, und wer jetzt aufgrund des Namens an einen Benediktinermönch denkt, wird nicht völlig enttäuscht: Tatsächlich war er Mitherausgeber der religionswissenschaftlichen Zeitschrift "Sakrament und Sakrileg", erfährt man.
Er scheint ein ganz normaler Mensch zu sein, nicht aufdringlich, ein bißchen nervös, und: Er liest als einziger vom Blatt ab, wo alle anderen auswendig vortragen.
Was ihn aber endgültig zu meinem Favoriten macht, ist sein Einstieg in den Text: "Aus meiner Reihe Überschätzte Bücher heute: Der kleine Prinz."
Er referiert darüber, daß es kaum etwas Blöderes gibt, als Erwachsene, die für immer ein Kind sein wollen, führt dazu Grönemeyers Senkelgänger-Hymne "Kinder an die Macht" an, und ich stimme ihm zu.
Sein Vortrag ist ein wenig überhastet und unsicher, aber gerade das hat mir sehr gut gefallen, davon hätte ich gern mehr gehört.
Vom folgenden Künstler allerdings auch: Dalibor.
Dalibor ist Beatboxer und sprischt ein wennick kanack-sprack. Noch dazu wirkt er auf mich, als habe er sich entweder direkt vor der Sendung oder sein ganzes bisheriges Leben lang so einiges an psychoaktiven Substanzen reingedreht.
Er erklärt Thadeusz in wenigen, langsamen Worten, was "Beatbox" bedeutet, und schon schweigt er wieder. "So Geräusche, die macht man mit dem Mund, die ähneln einem Schlagzeug."
Nichtsdestotrotz: Seine Performance ist ziemlich cool, er verblüfft erstmal das Publikum damit, daß er offensichtlich was in der Birne hat, macht ein wenig Schauspielerei, boxt ein bißchen Beat und hinterläßt eine Mischung aus "Was war das denn gerade?" und "Fett."
Den Abschluß macht der erst 17-jährige Daniel, der ein bißchen aussieht wie ein uneheliches Kind von Kim Frank und Jutta Ditfurth.
Daniel reimt sehr solide über alles Schlechte in der Welt, nicht so mein Fall, aber vielleicht fehlt ihm einfach noch ein bißchen Lebenserfahrung. Handwerklich hat er's allemal drauf.
Mein Fazit: Anselm oder Dalibor.
Es folgt die Abstimmung per Publikumsapplaus, und ganz ehrlich: Warum ausgerechnet Grohacke und Dörthe den meisten Beifall bekommen haben, ist mir ein Rätsel. Naja, ist halt Geschmackssache.
Thadeusz entscheidet auf eine Stichwahl zwischen beiden, Grohacke gewinnt, immerhin. Wenigstens nicht Dörthe.
Zusammenfassend kann man sagen: Ein guter Auftakt zu einem bislang gelungenen Experiment. Respekt, WDR, das habt Ihr gut hinbekommen.
Schön finde ich auch, daß die Darbietungen sämtlicher Künstler nochmal auf der Homepage zur Sendung abrufbar sind.
Vielleicht wäre noch ein wenig mehr Zurückhaltung bei der Kameraführung angebracht. Wo keine Action ist, muß man auch keine künstlich erzeugen.
Jörg Thadeusz ist ohnehin ein Großer, und ich freue mich auf die nächste Sendung.






Flieger Horst und Ballonfahrer Jean sind wohl eher im ersten Weltkrieg unterwegs … da waren die Jerrys noch Preußen.
Ansonsten ist Deine Bewertung aber genau auf dem Punkt, besonders auch was Dörthe angeht.
Sauber gemacht!
Danke Lars.
… und ein guter Tip zum Einschalten ist es auch. Ich werde mir das beim nächsten Mal sicherlicher ansehen. Reinald Grebe ist übrigens ziemlich cool.
Den kenn ich aus Nightwash, auch ein Format das auf WDR lief und welches ich sehr geschätzt habe. Jetzt übrigens mit neuen Folgen auf Comedy Central. Donnerstags 22.15 Uhr
hab´s nicht gesehen, weil kein fernseher….. musst du mich dann wohl das nächste mal zu einladen!
….. und natürlich bin ich ein besserer mensch…. ;-)
Oh, dann muß ich hier wohl mal wieder aufräumen…
Und: Biste nicht. Zumindest nicht deswegen. :-)
Bewegende Momente…
Apropos Vegetarier:
Wie ich heute durch eine Suchanfrage erfahren habe, bin ich bei Google auf Platz 4 gelistet, wenn man nach "bratcurrywurst" sucht.
Noch vor dem Wurst-Basar.
Ja, ich bin ein bißchen stolz.
Nein, nein, da ist mir was …
Du sprichst mir aus der Seele. Über Dörthe will ich mich erst gar nicht auslassen, schade dass so jemand gewinnt.
Richtig peinlich fand ich hingegen die Geschichte vom Ballonfahrer Jean. Bei der Ansammlung von armseligen Klischees war ich nur froh, dass nicht auch noch ein Pole vor kam, denn wäre wahrscheinlich der Ballon auch noch weg gewesen.
Hier schreibt jemand über Slammer, der selbst slammt.
Und sicher manchmal gegen die, die er kritisiert.
Ist das nicht unkollegial und vielleicht sogar schmierig? Soll ein Künstler die Kollegen gleicher Sparte kritisieren oder das lieber anderen überlassen? Oder sich wenigstens ETWAS mit negativer Kritik zurückhalten?
Beispiel: Grohackes Text ist ein Spiel mit Klischees,
das als solches ohne Weiteres für jedermann mit wenigstens null komma fünf Prozent gutem Willen einwandfrei erkennbar ist. Wer die als Stilmittel eingesetzte Überzeichnung ernst nimmt, hat etwas ganz, ganz Grundsätzliches nicht kapiert. Etwas, das im Poetry Slam an allen Ecken und Enden eine große Rolle spielt. Übrigens ist der Deutsche der Idiot in dem Text (und darüber hinaus wären es übrigens auch die, die DAS Wort für Wort ernst nehmen).
Dazu kommt, dass Du selbst sehr gerne überzeichnete Klischees einsetzt – Zitat (nur zum Beweis dafür, dass Slam-Aktive kritikmäßig öffentlich ihren
Kollegen gegenüber unbedingt DIE KLAPPE HALTEN sollten): "Der echte Mann: Er fährt mit einem Hollandrad die Einbahnstraße in verkehrter Richtung entlang, einhändig, weil er mit der anderen Hand den Kasten Bier auf dem Gepäckträger festhalten muß."
Soll das besser sein??? Gratulation zu soviel Selbstreflexion und Kollegialität.
Überhaupt, wenn jemand Aussagen aneinander reiht wie "unglaublich bescheuerten Spitznamen", "stinklangweilig und abgegriffen", "affektiertem Gehabe" usw. usf, sagt der nicht sehr viel mehr über sich und über seine Kollegialität aus als über die Kollegen?
"Überhastet und unsicher" findest Du gut – und charakterisierst Dich selbst so ähnlich (an anderer Stelle: "Ich hatte ein wenig zu schnell vorgelesen, weil ich dachte, ich käme zeitlich nicht so richtig hin"). Interessant.
Und: ebenfalls ziemlich asso-mäßig, wie Du Slammer optisch abqualifizierst. Vielleicht bist Du doch noch der Mobber von damals? Nur sind jetzt nicht mehr Mitschüler die Zielscheibe, sondern Mitslammer.
Schauen wir mal, wie das weitergeht.
Vielleicht sollte man sich dann mal DEINES Aussehens metaphorisch annehmen und Deine Texte öffentlich genauer betrachten. Oder Deinen Stil diskutieren, z.B. in der Slammer – Newsgroup.
Lieber H….
Mal wieder etwas aus der Rubrik "Leserbriefe".
Ganz nebenbei: Möglicherweise fragt sich mancher, warum ich das nicht unter dem ursprünglichen Beitrag beantworte. Das hat den einfachen Grund, daß ich in Kommentaren den Text ni…