Ein Nachmittag mit Clint

Urlaub geht irgendwie anders.

Mein Kumpel, der eitle Fatzke, kann sich seine Schuhe nicht – wie jeder andere auch – im Geschäft um die Ecke kaufen, sondern muß sich so sauteure schicki-micki-maßangefertigte Designerlatschen vom orthopädischen Schuhmacher machen lassen. Und abholen muß er sie in der Diabetesklinik in Bad Oeynhausen. Kleiner hat er's nicht.

Und wer darf ihn da hinfahren und extra dafür einen Tag freinehmen? Ich. Und was ich vom Autofahren in Bad Oeynhausen halte, habe ich ja schonmal berichtet.

Vor der Klinik ist mit Parken nichts zu wollen, die stehen da kreuz und quer auf dem Ambulanzparkplatz, nicht zum Aushalten. Die parken wie die Zuckerkranken.

Also setze ich ihn erstmal am Haupteingang ab und suche mir in nur wenigen Kilometern Entfernung einen Parkplatz.

"Bis gleich," hieß es noch, jaja, "bis gleich", von wegen.

Zunächst habe ich eine Ewigkeit in der Sitzgruppe vor dem Fahrstuhl herumgesessen, aus dem immer, wenn die Tür aufgeht, die immer gleiche, klirrende Frauenstimme so etwas wie "Erdgeschoß, Vorhölle, Durchgang zu Tod und Verderben" schnarrt. Zumindest, soweit ich mich erinnere.

Irgendwann beschließe ich, mir erstmal was zum Lesen zu kaufen und entscheide mich für "DIE ZEIT".

Ich suche mir einen gemütlichen Platz mit etwas Abstand zur Schnarrestimme. Schräg gegenüber sitzt ein Paar im Trainingsanzug und unterhält sich über alles. Einfach über alles, weil sie auch einfach über alles bescheidwissen.

Ich schlage die Zeitung auf und beginne zu lesen, daß der Reformkurs von Familienministerin von der Leyen die Konservativen in der CDU beunruhigt, weil … die die Mafia unterstützen.

Die Mafia unterstützen?

Nein, das steht da gar nicht, das mit der Mafia hat der männliche Trainingsanzug gerade zu dem weiblichen Trainingsanzug gesagt oder besser: gebrüllt.

Ok, konzentrieren, nicht auf die Diskussion achten, nicht ablenken lassen.

Eine Weile geht das gut. Dann lese ich, daß Wolfgang Tiefensee und Sigmar Gabriel … ein chinesisches Restaurant eröffnen wollen mit einem Aquarium drin und lauter Zierfischen.

Verdammt, das paßt doch schon wieder nicht.

Es hat keinen Sinn, ich muß mir einen neuen Platz suchen. Ich wähle einen extra ungemütlichen in der Mitte eines schnöden Durchganges, da setzt sich bestimmt keiner hin.

Stattdessen aber laufen da ständig Leute hin und her, also gebe ich irgendwann das Lesen endgültig auf, blättere einfach nur ein wenig in der Zeitung weiter und sehe gebildet aus.

Ich erreiche das Feuilleton, von dessen Titel mich Clint Eastwood mit finster zugekniffenen Augen fixiert.

eastwood

(Foto: Patrick Swirc, der nicht nur großartige Fotos wie dieses hier macht, sondern diese auch noch unter Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Diese Amateurbrötchen hat der gar nicht nötig.)

Ich verzichte jetzt auch noch auf das Blättern in der Zeitung und versuche stattdessen, die vorbeigehenden Leute zu töten, indem ich sie im Clint-Stil kaputtstarre. Klappt aber nicht. Clint ist einfach cooler.

Bevor sie mich einliefern, kommt aber auch schon mein Kumpel um die Ecke, meint, er müsse seine neuen Designerschlappen jetzt 10 Minuten einlaufen, dann nochmal zurück und sei dann "gleich" wieder da.

Nach einer weiteren Stunde ist dann auch der unbestimmte Zeitpunkt "gleich" erreicht.

So gucken wie Clint kann ich jetzt schon, es fehlen mir nur noch die fiesen Falten.

4 Kommentare

Some rights reserved.