"Verdammter Dreckszahn," fluchte Jerry, "scheiß Daunenschlafsack."
Im Grunde genommen war er ja froh, daß er im letzten Jahr diesen Schlafsack geschenkt bekommen hatte, gerade jetzt, da es nun doch langsam Winter wurde und das Thermometer an der Apotheke Minusgrade anzeigte. Vor einigen Tagen hatte jedoch ein Backenzahn angefangen zu schmerzen, und da er seine Wolljacke bei der Kälte nicht über Nacht ausziehen und als Kissen verwenden konnte, mußte er wohl oder übel mit dem Gesicht auf dem mit Federn gefüllten Kopfteil schlafen.
Jerry hieß eigentlich nicht "Jerry". Sein richtiger Name war Hubert Stratmann, aber so nannten ihn allerhöchstens noch die Spießer vom Sozialamt. Selbst die Polizisten, mit denen er sich immer gut verstanden hatte, weil er sich nie in aller Öffentlichkeit betrank, nannten ihn Jerry.
Den Spitznamen hatte er weg, als er im Supermarkt mal eine Flasche Sandeman geklaut und den anderen Jungs präsentiert hatte: "Hier, was ganz feines."
"Was haste denn da mitgebracht?"
"Sherry," hatte er stolz geantwortet, "hab ich früher immer getrunken."
"Spinnst du? Und wenn die dich erwischt hätten? Dann hätten wir uns 'nen neuen Markt suchen können."
Beim Leeren der Flasche hatten sie ihm aber trotzdem geholfen und ihn von da an erst "Sherry-Jerry" und später nur noch "Jerry" genannt. Gestört hatte ihn das nicht, den Namen "Hubert" konnte er ohnehin noch nie leiden.
"Scheißzahn," fluchte er nochmal, kroch aus seinem Schlafsack in die Kälte hinaus und sah hinüber zu Hans, dem Baron, von dem lediglich die lilafarbene Wollmütze zu sehen war, die er sich am Abend zuvor über die grauen, strohigen Haare gezogen hatte. Hans nannten alle "den Baron", weil er im Sommer mal von der Altkleidersammlung mit einem schneeweißen Rüschenhemd zurückkam.
Selbst für ihre Verhältnisse war das gestern ein heftiger Abend gewesen. Hans hatte irgendwann, als es bereits dunkel wurde, zu Jerry gesagt: "Weißt du was? Ich hab heute Geburtstag."
"Echt? Und wieso hast du den ganzen Tag nichts gesagt?"
"Naja, dann hätte ich allen einen ausgeben müssen, und dann…"
"Ja, stimmt. Und jetzt?"
"Der Penny hat doch noch auf."
"Ich hab nichts mehr."
"Aber ich. Hat sich gelohnt heute, bei der Kälte, und für uns beide reicht das locker."
"Na, dann: Herzlichen Glückwunsch, Herr Baron," hatte Jerry mit leuchtenden Augen gesagt, und eine halbe Stunde später hockten sie mit zwei Flaschen Korn und einigen Plastikflaschen Bier im Hintereingang der Tiefgarage, wo sie schon seit ein paar Tagen Schutz vor dem beißenden Nordostwind suchten.
"Scheißbier," dachte Jerry, als er sich endlich aus dem Schlafsack gepellt hatte. Gerade im Winter hielt er sich lieber an Korn. Von Bier mußte man nachts immer raus, und einige waren bereits einfach dort liegengeblieben, wo sie gerade hingeschifft hatten.
Jerry zog hastig die Turnschuhe über und stolperte fast, als er die Treppen vom Parkhauseingang hochlief. Er schaffte es gerade noch um die Mauer herum, zog die Bundeswehr- und die Jogginghose ein Stück herunter und erleichterte seine Blase mit einem zufriedenen Seufzen. Dann schnürte er sich die Schuhe zu und ging noch einmal die Treppenstufen hinunter, um seine Pappschilder, den Klappstuhl und die Metalldose zu holen. Er warf einen Blick auf den Baron, entschied sich aber dafür, ihn noch weiter schlafen zu lassen. Wenn Jerry genügend zusammengeschnorrt hatte, würde er Kaffee und vielleicht zwei Brötchen holen und sich so für gestern Abend revanchieren. "Frühstück ans Bett", sozusagen, dachte Jerry und mußte bei dem Gedanken grinsen.
Unterwegs in die Altstadt schaute er an der Apotheke auf die Anzeige, auf der ein paar Sekunden lang "-3°" aufleuchtete, und im Anschluß "8:35".
"Mist, verpennt," grummelte er und ging ein paar Schritte schneller. Um noch die Verkäuferinnen zu erwischen, die vor der Arbeit morgens bei Tchibo standen und ihren gemeinsamen Kaffee tranken, mußte er sich beeilen.
Einige von ihnen waren wirklich nett, vor allem die älteren, die in den Schuhgeschäften und bei den Juwelieren arbeiteten. Die gaben immer etwas. Die jungen Hühner dagegen, aus den Kosmetik- und Ramschläden, die sahen immer nur angewidert weg. "Wenn ich den ganzen Tag mit Schminken beschäftigt wäre, sähe ich auch anders aus!" hatte er ihnen mal hinterhergerufen, aber das gab dann gleich Ärger mit so einem Wichtigtuer vom Sicherheitsdienst, der ihn damals sofort verhaften lassen wollte.
Er klappte seinen Stuhl auseinander und setzte sich an die Stelle, an der die meisten Leute vorbeikamen. Er öffnete die Metalldose, stellte sie auf das Steinpflaster und legte das "Frühstücksschild" aus Pappe davor. Er hatte sich vor einiger Zeit verschiedene Pappschilder für verschiedene Tageszeiten gemacht. Morgens nahm er das Schild, auf dem "Für eine Kleinigkeit zum Frühstück" stand, mittags das "Für eine warme Mahlzeit"-Schild und nachmittags das Schild "Für eine Herberge in der Nacht".
"Man muß den Leuten schon was bieten," hatte er Hans erklärt, "sonst denken die noch, man würde den ganzen Tag nichts zu tun haben und werden neidisch." Woraufhin Hans am nächsten Tag um 12:00 Uhr ein Schild aufstellte, auf dem geschrieben stand: "Ich bin derzeit zu Tisch, bitte versuchen Sie es später noch einmal."
An dem Tag hatten sie die dreifachen Einnahmen, aber das funktionierte natürlich nur einmal pro Stadt.
Jerry hatte es noch rechtzeitig geschafft, und nach etwa einer Stunde hatte er genug Geld zusammen. Er räumte alles ein und machte sich auf den Weg zurück, denn um diese Zeit waren jetzt erstmal nur noch die Touristen unterwegs, und die hatten selten etwas übrig.
Er ging grundsätzlich nie in diese Back-Shops, die jetzt überall ihre Filialen eröffneten. Die waren zwar billiger, aber meistens waren die Verkäuferinnen unfreundlich und abweisend. In den richtigen Bäckereien mußte er mehr bezahlen, aber dafür gab es dann auch immer mal ein Stück Kuchenrand oder Reste vom Vortag. Diesmal bekam er zu seinen zwei Bechern Kaffee und den vier Brötchen sogar noch zwei Rumkugeln dazu. "Weil's doch so kalt ist," erklärte die Verkäuferin und zwinkerte ihm mit einem Auge zu.
"Danke," entgegnete Jerry, "das ist sehr nett."
"Schon gut," flüsterte sie, "aber nicht weitersagen, sonst kommt nachher noch jeder und will etwas."
Jerry beeilte sich, zurück zum Parkhauseingang zu kommen, bevor der frische Kaffee eiskalt wurde. Schnell versteckte er sich hinter der Mauer, wo er windgeschützt war und ging die Treppe hinunter, bis vor die Parkhaustür, wo der Baron immer noch in seinem Schlafsack lag.
"Hans," rief er, "steh auf, es gibt Frühstück!". Es guckte nur die Wollmütze hervor, genauso, wie er ihn zurückgelassen hatte. "He, Herr Baron, aufstehen." Es rührte sich nichts. "Das kann doch nicht wahr sein, du blöder Hund" knurrte Jerry, und stellte den Kaffee und die beiden Tüten vom Bäcker auf dem Boden ab.
Jerry faßte dem Baron an die Schulter und drehte ihn auf den Rücken. Der Baron atmete nicht mehr.
"Du blöder Hund, du blöder Hund, du blöder Hund," schrie Jerry ihn an. Dann ließ er sich schluchzend auf seinen Schlafsack fallen. "Du verdammter blöder Hund!"
Dann, nach einer Weile, trank er einen Becher Kaffee, aß eines der Brötchen und beschloß, zur Polizei zu gehen.
"Vielleicht habe ich ja Glück und komme ins Gefängnis," sagte er, dem reglosen Körper zugewandt. "Scheiße. Mach's gut, Herr Baron."






Respekt, starke Geschichte!
Jau. Sehr stark.
dito
Bin ich Hellseher? Ja….
Ich habe das Shining.
Als ich am Dienstag "Jerry" schrieb, hatte ich die ganze Zeit einen ganz bestimmten Parkhauseingang vor Augen, der als Unterkunft für die beiden fiktiven Obdachlosen aus meiner Geschichte diente.
Am Donnerstag bin ich…
Danke überigens, ist meine erste Kurzgeschichte, freut mich, daß sie Euch gefällt.