Ich bin ein überzeugter Pazifist. Ich habe so lange an meiner Wehrdienstverweigerung geschrieben, bis ich sie selber geglaubt habe und halte Menschen, die sich nur durch Gewalt mitteilen können, für verachtenswerte Schwächlinge.
Das war nicht immer so.
Ich bin heute in der Innenstadt an einem Geschäft vorbeigekommen, das unserem Opfer von früher gehört, und dabei fiel mir der Artikel von René wieder ein, den ich wiederum über Spreeblick gefunden hatte.
Was war damals geschehen?
Wir waren vielleicht gerade mal in der 8. Klasse und mußten jeden Dienstag, zusammen mit einer anderen Schulklasse, darauf warten, daß unser Sportlehrer die Tür zur Halle aufschließt.
In der anderen Klasse war Oliver*. Oliver war ein Sohn reicher Eltern, die in unserer popeligen Kleinstadt einen gewissen Namen hatten. Kleinstadtprominenz eben. Sie waren erfolgreich, wir waren es nicht, und wir haßten ihn dafür.
Im Vergleich zu seinem Elternhaus kamen wir aus der Gosse. "Naja, die Möllers*", hieß es, "die können sich vielleicht so eine Klassenfahrt leisten, die haben's ja, da kriegt der Oliver ja alles hinten reingesteckt."
Bei uns sah das anders aus. Keine Markenklamotten, keine StarWars-Figuren.
Also haben wir Oliver jeden Dienstag verprügelt, während wir warteten, bis der Lehrer kam und die Tür zur Sporthalle aufschloß.
Nein, "verprügelt" stimmt eigentlich nicht, denn wir haben ihn nie ernsthaft körperlich verletzt. Wir haben ihn geboxt, in den Magen, auf den Arm, wir haben ihn geschubst, gerempelt, gekniffen.
Wir haben ihn gequält. Jeden Dienstag.
Es hat zumindest dafür gereicht, daß er Angst vor uns hatte. Und das war uns wichtig.
Warum haben wir das getan?
Weil's ging. Weil wir stärker waren. Weil nie jemand da war, der gesagt hätte: "Laßt den mal in Ruhe."
Seine Eltern waren vielleicht reich, aber vor uns kleinen Arschgeigen konnten sie ihn nicht schützen.
Und dabei waren wir nichtmal typische Asoziale. Im Gegenteil, wir waren geradezu erfolgreiche Gymnasiasten.
Wir waren gute Schüler, wir hatten Freunde, wir haben das getan, was alle Schüler in unserem Alter taten: Nahezu überall mitlaufen und den eigenen Frust an denen auslassen, die sich nicht wehren können oder wollen.
Und irgendeinen gibt's immer.
Warum erzähle ich das?
Weil ich klarstellen will, daß Gewalt kein Phänomen bestimmter sozialer Schichten ist. Mein Kumpel von damals und ich haben beide ein solides Abitur hingelegt, und aus uns ist einigermaßen was geworden.
Weil ich deutlich machen möchte, daß sich Gewalt entladen kann, ohne daß es dafür einen konkreten Anlaß oder einen besonderen Zweck geben muß. Wobei Gewalt zum Selbstzweck wird. Weil es eben geht.
Weil ich zeigen möchte, daß Menschen sich ändern können.
Aber vor allem, weil ich zumindest meinen Teil dazu beitragen will, daß niemand denkt, so ein Verhalten wie unseres wäre cool oder in sonst irgendeiner Weise erstrebenswert. Das ist es nicht. Nur leider merkt man das viel zu spät und läßt es sich schon gar nicht von alten Säcken wie mir erzählen.
Ich weiß, daß sich genau diese Geschichte auf Hunderten, wenn nicht Tausenden von Schulen jeden Tag abspielt.
Das muß nicht sein.
Es müßten nur mal wieder mehr Leute "Laß ihn in Ruhe" sagen.
—
* Name geändert. Er hat damals genug gelitten.






Echte Größe könntest Du noch zeigen, wenn Du dich im nachhinein noch bei ihm entschuldigen würdest, für den Fall, dass Du ihn nochmal treffen solltest.
Mutig – aber das hab ich ja gestern schon mal gesagt. Ich kenn ja wie gesagt die andere Seite, hab in der Schule sowohl Prügel (Grundschule) als auch Mobbing (Gymnasium) erlebt. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich die Entschuldigung der Leute heute nicht annehmen würde.
@pornolizer:
Naja, das ganze ist 18 Jahre her, und so dramatisch, wie es sich hier anhört, ist es bei längerem Darübernachdenken auch wieder nicht gewesen. Allerdings schwer zu sagen, wie er das damals empfunden hat.
Wahrscheinlich weiß er es schon gar nicht mehr, zumal wir uns auch noch während unserer Schulzeit wieder ganz normal benommen haben und uns auch heute noch grüßen, wenn wir uns zufällig begegnen.
Freunde sind wir natürlich nicht geworden.
@Kirsten:
Das habe ich zudem gar nicht berichtet: Nur wenige Jahre zuvor ging es mir genauso, ich war in der 5. Klasse, als mich ein älterer Schüler bei jeder Gelegenheit bedroht hat.
Das hat zwar nicht meine gesamte Schulzeit belastet, aber Angst hatte ich schon, wenn ich ihm nach der Schule begegnet bin.
[...] spitblog » Weil’s ging Es müßten nur mal wieder mehr Leute “Laß ihn in Ruhe” sagen. (tags: gewalt gesellschaft) [...]
[...] Malte Welding – Undine geht Spitblog – Weil's ging [...]
[...] spitblog: Weil's ging [...]
Habe deinen Beitrag bei Trackback gehört. Hat mir gut gefallen. Selbst war ich früher oft ein Mobbing-Opfer und ich muss sagen, dass es mich stark geprägt hat. Im negativen Sinn. Daher würde auch ich von keinem der Leute heute eine Entschuldigung annehmen. Ich freue mich nur regelmäßig, dass aus den wenigsten von damals heute etwas geworden ist. Wenn er wie du sagst Angst hatte, dann wird er sich daran bestimmt erinnern. Auch nach 18 Jahren.
[...] gibt es das Ganze hier auch nochmal exklusiv in mono. Gelesen habe ich übrigens "Weil's ging". Und mit basslastigem Rhythmus darunter war's sogar noch [...]