Grundsätzlich habe ich nichts gegen Feiertage. Ich muß nicht unbedingt jeden Tag die Möglichkeit haben, einkaufen zu gehen. Außerdem gibt es zur Not noch Tankstellen.
Meinetwegen können dann auch den ganzen Tag irgendwelche Sonderfernsehsendungen laufen, die den Anlaß des Feiertages zum Thema haben. Muß ich ja nicht gucken.
Grundsätzlich schlafe ich auch gern aus, was ebenfalls für Feiertage spricht.
Was ich an Feiertagen überhaupt nicht leiden kann, ist, Auto zu fahren. Es gibt nur eine Kategorie von Autofahrern, die schlimmer ist als Sonntagsfahrer: Feiertagsfahrer. Naja, und Fahrer aus dem Lipperland vielleicht, aber das ist ein anderes Thema.
Wenn ich im Auto unterwegs bin, dann mache ich das gern in der Geschwindigkeit, die die Ordnungsbehörden in diesem Streckenabschnitt als sinnvoll erachtet haben. Oder anders ausgedrückt: Wenn da 100 steht, dann fahre ich auch 100. Vielleicht auch mal 110. Nicht viel mehr. Aber auch nicht viel weniger.
Was da aber heute wieder unterwegs war, hat mich wieder mal fast ins Lenkrad beißen lassen.
Es ging los, als ich auf die Landstraße einbog. Ich mußte einem Trabant die Vorfahrt lassen. Wie passend, am 3. Oktober. Und es war nicht nur irgendeine von diesen übriggebliebenen Zonenfeilen in Schlüpferfarbe, was schlimm genug gewesen wäre.
Vor mir fuhr so ein Typ, der diesen ganzen Ost-Kult so knorke findet, daß er der – wahrscheinlich irgendwo vom Sperrmüll gezogenen – Plastikmöhre eigenhändig das Dach abgesägt hat. Um sich der Häßlichkeit seines Gefährts anzugleichen, hatte er sich dazu auch noch eine von diesen unsäglichen Pilotenbrillen aus dem 1. Weltkrieg über die Halbglatze gezogen.
So ausgestattet fuhr er also mit exakt 80 km/h vor mir her, und der blauen Wolke nach zu urteilen, die er mit seinem Schrotthaufen hinter sich her zog, war er damit auch am Ende der Motorleistung angelangt.
Irgendwann gelang es mir, trotz drohender Besinnungslosigkeit, zu überholen, nur um mich hinter einem Greisen wiederzufinden, der sein angetrautes Eheweib noch einmal im bronzefarbenen Opel Omega durch den Landkreis schaukelte, bevor einer von den dreien seinen Schöpfer wiedersieht.
Der Weißkopf wiederum brachte es gerade mal auf 70 km/h, die behielt er dann aber auch in jeder geschlossenen Ortschaft bei. Möglicherweise hatte er aber auch einen Tempomaten, war schon seit Stunden tot und ist jetzt immer noch unterwegs, bis dem Wagen der Sprit ausgeht.
Ich konnte es nicht mehr nachprüfen, da ich schließlich die rettende Autobahn erreichte. Sobald die Geschwindigkeitsbeschränkung aufgehoben war, beschleunigte ich und fuhr auf der relativ leeren Autobahn mit 180 km/h entlang, als es einem vollbeladenen Kleintransporter polnischer Herkunft irgendwann auf der rechten Spur zu langweilig wurde und dieser den vor ihm fahrenden LKW überholte. Ohne zu blinken, logisch, das könnte ja jeder.
Er zog also unvermittelt auf meine Spur, was dazu führte, daß mein Puls und die Tachoanzeige mal eben die Werte tauschten.
Als sich beide wieder etwa in der Mitte trafen, beschloß ich, den Rest des Heimwegs gemütlich anzugehen, stellte den MP3-Player auf Entspannung und gondelte dösig vor mich hin.
Erstmal wieder runter von der Autobahn, auf die Landstraße, ach schau an, da ist eine Ampel, die springt gerade auf gelb, naja, ist ja halb so schlimm, oh siehe da, jetzt ist sie – DIE IST ROT!
Ich sprang also auf die Bremse und rutschte mit quietschenden Reifen ein paar Meter, bis ich an der Haltelinie neben einer roten A-Klasse zum Stehen kam, deren drei Insassen alle mit heruntergeklapptem Kiefer in mein Seitenfenster starrten.
Ich setzte ein irres Jack-Nicholson-Grinsen auf, drehte meinen Kopf nach links und grüßte meine neuen Freunde mit einem fröhlichen "Guten Tag."
So wie der Fahrer geguckt hat, war er kurz davor, in Panik zu verfallen und mit Vollgas über die rote Ampel auf den nächsten Rübenacker zu fahren.
"Ok, so kommst du nie heile an," dachte ich mir und wechselte erstmal die Musik.
Kurz bevor ich zu Hause war, fuhr ich schließlich hinter einem Minivan her, auf dessen Heckklappe der Schriftzug des Abrißunternehmens "Abbruch-Otto" stand, während Hatebreed gerade aus meinen Lautsprechern die Textzeile "Destroy Everything" brüllten.
Das war ein Zeichen. Jetzt würde alles gut werden.
Und bis auf die Tatsache, daß ich fast einen BMX-Fahrer durch meinen Radkasten gezogen hätte, ist dann auch wirklich nichts nennenswertes mehr passiert.






…mein Puls und die Tachoanzeige mal eben die Werte tauschten.
Hehe… geil!
Ich weiß schon, weshalb ich an Feiertagen das Autofahren unterlasse… und dann noch über Landstraße, das ist ja an normalen Tagen schon das Grauen schlechthin. Echt knorke, der Text, wa. :-)
Danke für die ganzen Lacher am frühen Morgen – klasse! Toller Schreibstil!!!