Mal ehrlich, was für ein Bild hättet Ihr vor Augen, wenn Ihr Euch die Besucher einer "Flugsimulator-Konferenz" vorstellen müßtet?
Klingt das nicht nach Brillengläsern wie Aschenbecherböden? Nach fettigen Haaren und Pickelgesichtern? Nach Rautenmuster-Pullundern und Bundfaltenhosen? Nach Mittvierzigern, die noch bei Mama wohnen und nie eine Freundin hatten?
Ich muß an dieser Stelle einmal etwas über diese schrecklichen Vorurteile loswerden:
Sie sind alle wahr.
Ich kann das bezeugen, denn ich war am Wochenende auf der "Flugsimulator-Konferenz" auf dem Paderborner Flughafen. Als Aussteller.
Wie es dazu kam, ist schnell erzählt: Ich habe irgendwann mal einen Flugsimulator auf meinem Rechner installiert, fand das ganz interessant, wollte mehr darüber wissen und bin kurze Zeit später in einem Onlinenetzwerk gelandet, in dem der Flugverkehr relativ realistisch simuliert wird.
Mit Flugfunk über Headset, Fluglotsen, Luftfahrtkarten und allem Schnickschnack. Für mich nur ein Zeitvertreib, aber auf jeden Fall intelligenter, als sich in Ballerspielen mit 14jährigen zu messen.
Irgendwann suchten die Leute, die dort alles am Laufen hielten, jemanden, der ihnen bei der Betreuung ihrer Webserver helfen sollte. Da ich dabei bestimmt jede Menge über Serveradministration dazulernen würde, hatte ich mich beworben und war schließlich ein Teil des Organisationsteams.
Soweit, so gut. Die Jungs da waren auch alle ganz ok, wenn auch vielleicht etwas verschroben. Na gut, einige von ihnen können sich nur über ihr eines Hobby unterhalten, andere wiederum finden jeden noch so unlustigen Scheiß komisch, aber letztendlich war niemand von ihnen vollkommen unerträglich.
Ein paar von ihnen würde ich mittlerweile sogar als meine Freunde bezeichnen und habe mit ihnen auch schon manch lustigen Abend verbracht.
Was da aber am Samstag auf der Ausstellung herumlief, war eine so unglaubliche Freakshow, daß es mir regelrecht peinlich ist, meine Freizeitbeschäftigung mit diesen Kaputten dort zu teilen.
Wenn jemand im Laufe der Jahre eine Halbglatze bekommen hat, kann der dafür ja nichts.
Aber muß er dann seine verbliebenen Haare auch noch bis zu den Schultern wachsen lassen und sie dann offensichtlich wochenlang nicht waschen?
Wenn jemand aus möglicherweise medizinischen Gründen kein Pilot werden und somit seinen Wunschtraum niemals verwirklichen konnte, ist das bedauerlich. Aber warum rennt so eine arme Socke dann mit einer "Pilotenuniform" herum?
Wie mir einer aus unserem Team später erzählte, handelte es sich bei den Uniformabzeichen noch dazu um Symbole, die nur bei der Marine verwendet werden, da hatten sie ihn im Kostümverleih offenbar ordentlich über den Tisch gezogen.
Der Typ sah also nicht nur komplett bescheuert aus, sondern lief noch dazu mit einer Uniformjacke eines "Kapitäns zur See" herum, und wenn das mal nicht erbärmlich ist, was dann?
Doch die nächste Vollwurst ließ nicht lange auf sich warten: Er sah aus wie Horst Schlämmer, hatte einen suppentellergroßen Fettfleck auf dem Hosenbein und sprach wie Diether Krebs in der Rolle des Minderbemittelten mit den Lupengläsern vor den Augen.
Zunächst zum Brüllen komisch, aber irgendwann überwog das blanke Entsetzen, spätestens dann, als man feststellte: Das ist nicht gespielt, der Typ ist echt.
Wenn die Gestalten, die da rumliefen, nicht gerade aussahen, als wären ihre Eltern Geschwister, dann waren es aber zumindest breitärschige Riesenbabys, die ein paar gewaltige Herrentitten ihr eigen nennen konnten.
Ihr gesamtes Verhalten signalisierte noch dazu auch dem letzten Unbeteiligten: Achtung, hier kommt ein kompletter Pfosten.
Sobald am Himmel ein im Landeanflug befindliches Flugzeug zu sehen war, rannten sie wie besessen ans Terassengeländer, um es zu fotografieren. Ich bin sicher, ein großer Teil von ihnen hätte mir auch noch die Seriennummer des Toilettendeckels an Bord der Maschine nennen können.
Das Schlimme ist: Diese Freaks sind in der Lage, hochkomplexe Zusammenhänge zu verstehen, einige von ihnen könnten vermutlich sogar eine echte Boeing sicher auf die Erde zurückholen. Aber zum Haarewaschen reicht es nicht.
Irgendwann am Nachmittag habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich mußte erstmal duschen und das bedruckte T-Shirt unseres Netzwerkes, das mich als einen von ihnen zu erkennen gab, gegen ein vernünftiges Hemd tauschen. Schon besser.
Den Rest der Ausstellung verbrachte ich dann damit, in der Sonne zu sitzen und zu warten, bis das Bier seine Wirkung entfaltete.
Denn davon war für mich genug übrig, die Freaks tranken sicher nur Kamillentee. Wenn überhaupt.