Poetry Slam

So richtig glaube ich das ja irgendwie alles noch gar nicht.

Aber der Reihe nach:

Hier findet drei- bis viermal im Jahr ein Poetry Slam statt. Ich war schon ein paarmal als Zuschauer zu Gast und hörte mir dabei zum Teil endlos lange pubertäre Gedichte von Schülern an, die offenbar der Meinung waren, die Welt behandele sie ungerecht und es wäre mal an der Zeit, es ihr heimzuzahlen.

Das stimmte natürlich nicht, denn es waren ja nur Schüler, die in unbeholfene Worte pressten, worüber jeder schon hunderttausendmal geschrieben hat: Frauen (wohl eher: Mädchen), Eltern, Schule, bei Bedarf auch Hungersnöte und die vielen Kriege auf der Welt. Alles ganz schlimm.

Wie das nun bei einem Poetry Slam so üblich ist, ist das Publikum angehalten, seine Meinung unmißverständlich kundzutun. So ließ ich mir dann auch in der Vergangenheit nicht nehmen, mich zu dem einen oder anderen Beitrag mit "Langweilig!", oder "Komm zum Punkt!" zu äußern, um auf der Stelle von gutmeinenden Menschen belehrt zu werden: "Ja, aber der Mut, sich da hinzustellen, das muß man schon anerkennen."

Woraufhin ich zumeist antwortete: "Na und? Das ist trotzdem langweilig."

Dann kam jedoch wie immer das unvermeidliche Killerargument: "Dann mach's doch erstmal besser!"

Was für ein Schwachsinn. Ich wüßte gern, wie diese Leute reagieren, wenn ihnen das nächste Mal nach der Inspektion der Motor bei 180 km/h auf der Autobahn auseinanderfliegt und der Kfz-Mechaniker auf ihre Beschwerde nur ein "Machen Sie's doch erstmal besser" entgegnet.

Dennoch, irgendwie hatte es doch gewirkt: Ich wollte es besser machen. Und die Flasche Whiskey gewinnen.

Also bin ich gestern zum Poetry Slam gefahren. Ich hatte drei Texte dabei und war gut vorbereitet, hatte probegelesen und zwei Bier getrunken. Außerdem war mein Fanclub da. Ich wußte gar nicht, daß ich einen habe.

Es konnte losgehen. Diesmal waren insgesamt nur 5 Autoren gestartet, sehr gut, leer ausgehen würde also keiner.

Der erste Autor betrat die Bühne. Wilfried. Der Reimegott. Kein Witz, der Typ ist wirklich großartig, macht fast jedesmal mit und trägt total versautes Zeug in Gedichtform vor, durchgängig unter der Gürtellinie. Leider wird das nie entsprechend gewürdigt. Schade eigentlich.

Im Anschluß dann Olaf. Ich weiß nicht, ob es daran lag, was Olaf schrieb oder an seiner Art, es ein wenig überhastet vorzutragen (er hatte sich ganz kurzfristig zum Mitmachen entschlossen), mir gefiel der Vortrag irgendwie nicht, ebensowenig wie der vierköpfigen Jury.

Nun war Sabine an der Reihe. Die kenne ich schon seit Ewigkeiten, wußte aber nicht, daß sie schreibt. Sie las Alltagsbeobachtungen vor, vielleicht etwas zu schnell, aber dennoch sehr angenehm und bekam dafür auch völlig zu Recht 30 Punkte. Das war also zu schlagen. Das würde schwer werden.

Dann war ich dran. Es war schon lange her, daß ich auf einer Bühne stand, aber damals hatte ich sowas ähnliches wie Musik gemacht und war nicht allein. Was ich völlig vergessen hatte: Man sieht auf der Bühne gar nichts. Nichts. Nur einen 2-Millionen-Watt-Strahler, der einem direkt ins Gesicht leuchtet.

Ich las also vor: Zuerst die Singlebörsen-Regeln. Ich wußte, der Text ist ganz witzig, aber mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Das Publikum johlte, offenbar war ich nicht der einzige, der schon viel Zeit mit dem Herumlungern in Singlebörsen verbracht hatte. Ein voller Erfolg.

Danach noch die Wahlparty. Und auch dieser Text kam gut an. Erwartungsgemäß paßte er nicht mehr in die vorgegebene Zeit, aber sie wollten die Nummer noch zu Ende hören.

Das Publikum hatte ich also schonmal für mich gewinnen können, doch wie würde die Jury entscheiden?

Sie gaben mir tatsächlich 34 Punkte. Unglaublich. Ich lag vorne.

Den Abschluß machte Martin, der mir auch in der Vergangenheit schon positiv durch seine genauen Beobachtungen aufgefallen war. Leider fehlte seinem Text ein wenig die abschließende Pointe, und er bekam 20 und ein paar zerquetschte Punkte.

Jetzt war das Publikum dran, seine Wertung abzugeben, und das geschieht auf dem hiesigen Poetry Slam traditionell so, daß jeder Zuschauer eine Blume bekommt, die er seinem Favoriten überreicht. Ich bekam knapp 30 davon und hatte damit so einen großen Vorsprung, daß der Moderator die Blumen gar nicht erst gezählt hat.

Damit war die Sache klar: Ich hatte tatsächlich gewonnen. Auf Anhieb.

Als dann alle zum Gratulieren zu mir kamen, wurde mir die Sache schon langsam peinlich. Eine Zuschauerin, mit der ich mich später noch unterhalten habe, fragte sogar, ob sie meine Textblätter haben könne. Klar konnte sie.

Aber so richtig kapiert hatte ich das nicht: Ich hatte doch nur ein bißchen Blödsinn vorgelesen. Und auf einmal stand ich da, mit einem Strauß Blumen und einer Flasche Jack Daniels in der Hand.

Cool. Danke.

Hinterher wurde noch gefeiert, und woran ich gar nicht gedacht hatte: Der Sieger muß beim nächsten Mal wieder antreten, sonst ist er doof, und niemand kann ihn leiden.

Also bin ich im Dezember wieder dabei. Als Titelverteidiger.

Und so richtig glaube ich das ja irgendwie alles noch gar nicht.

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