Das eigentlich Unangenehme an Behörden ist, daß man bei ihnen immer das Gefühl hat, nur eine anonyme Nummer zu sein.
Man ist sich im Umgang mit ihnen ständig bewußt, daß niemand der dort Beschäftigten sich jemals an einen erinnern wird, sobald die eigentliche Behördenangelegenheit beendet ist.
So ein Lohnsteuerjahresausgleich zum Beispiel. Niemand weiß, wer da eigentlich mit den eigenen, sehr persönlichen Daten zu tun hat und ob der den ganzen Scheiß nicht seit Jahren an die CIA oder noch schlimmer, an die Süddeutsche Klassenlotterie verkauft.
Heutzutage macht man das ja recht komfortabel online, schreibt mehr oder weniger seine Lohnsteuerkarte ab und schickt das ganze per Internet irgendwohin. Wohin genau will man eigentlich gar nicht wissen, Hauptsache der Kram ist irgendwie erledigt und irgendwer kümmert sich darum. Ob der nun in der gleichen Stadt oder von mir aus 20.000 Meilen unter dem Meer lebt: Mir doch egal.
Ungefähr diese Gedanken müssen mir durch den Kopf gegangen sein, als ich vor langer Zeit meinen letzten schriftlichen Lohnsteuerjahresausgleich bearbeitet habe.
Damals mußte man das alles noch in die Originalformulare eintragen, online ging da gar nichts, eher hätte man mit einem Schalterbeamten von der Deutschen Bahn um den Fahrpreis feilschen können.
Wenn man aber besonders fortschrittlich, um nicht zu sagen – "crazy" war, hat man das Ganze mit einem dieser neumodischen Steuerberechnungsprogramme ausgefüllt und die Formulare in DIN-A4 ausgedruckt. Die hat man dann – Ordnung muß sein – auf ein DIN-A3-Blatt geklebt, damit der Finanzbeamte seinen geliebten "Mantelbogen" bekam.
Und so rebellisch war ich auch drauf. Total verwegen wie ich war, habe ich mit dem Lohnsteuerjahresausgleich ein Jahr gewartet, um mir die Steuersoftware gebraucht bei eBay zu ersteigern. Sowas machten damals nur absolute Outlaws.
Als die Software schließlich bei mir eintraf, installierte ich sie und begann mit dem Eintragen der von mir verlangten Daten.
Zumindest wollte ich das, fand aber meine Lohnsteuerkarte nicht mehr wieder, immerhin hatte ich ja ein Jahr Zeit, sie zu verbummeln. Also ließ ich mir erstmal in der Personalabteilung eine Ersatzkarte ausstellen.
Kurze Zeit später war ich dann endlich soweit, das Unternehmen "Lohnsteuerjahresausgleich" konnte beginnen:
Steuernummer? Woher soll ich die denn wissen? Die laß ich mal weg.
Weiter geht's: "Die gesamten Einnahmen aus Kapitalvermögen betragen nicht mehr als 1500 €."
Wie bitte? Mein gesamtes Vermögen beträgt nicht mehr als 50 €, es sei denn, ich bringe mal das Leergut weg.
So ging das dann weiter, bis ich schließlich alles eingetragen hatte und mir die Plausibilitätsprüfung sagte: "Sie können Ihre Steuererklärung nun ausdrucken und an das Finanzamt senden." YESSS!
Ich druckte also alles aus, klebte es mit einem Pritt-Stift wie vorgeschrieben auf das DIN-A3-Papier und ging mit dem Handballen nochmal über alle Kanten, damit auch alles ordentlich gefaltet war.
Ich klappte den so liebevoll gebastelten Mantelbogen wieder auf und – ZACK – riß ich erstmal zwei etwa fingernagelgroße Stücke Papier auf Seite 2 mit heraus. Da war ich wohl ein bißchen unaufmerksam mit dem Pritt-Stift.
Statt "Förderung des Wohnungseigentums" stand da jetzt "F-rung des Wo-tums". Ach, was soll's, ich wohne ja eh zur Miete.
Dann fiel mir auf, daß ich mich bei der Angabe meines eigenen Geburtsdatums vertan hatte. Nun, für einen 5-jährigen wäre ich dann doch recht vermögend gewesen. Also korrigieren.
Das Ergebnis konnte man dann aber auch nicht gerade als souverän bezeichnen, da durch den vielen Klebstoff der Kugelschreiber erst etwa 8 Anläufe brauchte, bis er sich auf seine eigentliche Funktion als Schreibstift besann und sich nicht mehr verzweifelt in das Papier stemmte.
Zu allem Überfluß hat die Steuersoftware auch noch ausgerechnet, daß ich etwa 3 Cent zuviel Lohnsteuer bezahlt hatte und druckte erstmal dick und fett den Satz "ICH ERWARTE EINE STEUERRÜCKZAHLUNG" mit auf das Formular. Na, toll, zu doof für eine anständige Steuererklärung, aber einen auf dicke Hose machen.
Mittlerweile war mir alles gleichgültig, nur schnell eintüten, aus den Augen, aus dem Sinn.
Um Porto zu sparen, wollte ich nun die Unterlagen mit dem Fahrrad zum Finanzamt bringen. Das hätte dann sogar fast reibungslos geklappt, wäre nicht an der ersten Bordsteinkante der Umschlag vom Gepäckträger gefallen, woraufhin er einmal die große Rundfahrt mit Freund Fahrradkette unternommen hat.
Aber das hat es auch nicht mehr viel schlimmer gemacht. Ich hätte höchstens noch eine Handvoll Katzenstreu mit in den Umschlag werfen können.
Ich glaube, seitdem erinnert man sich an mich – zumindest beim Finanzamt.






